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Europa unter Druck – Abhängigkeiten runter, Wachstum rauf
Europa und Deutschland stehen im globalen Wettbewerb mit den USA und China unter erheblichem Druck. Für Unternehmen sind damit neue Herausforderungen aber auch Chancen verbunden: Ob bei der Diversifizierung von Lieferketten, strategischen Partnerschaften oder grünem Wachstum. Melanie Vogelbach, Bereichsleiterin Internationale Wirtschaftspolitik bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer, erläutert, wie der Mittelstand Abhängigkeiten senken, neue Märkte erschließen und international kompetitiv bleiben kann.
Melanie Vogelbach ist überzeugt, dass deutsche und europäische Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken müssen, um im globalen Standortwettbewerb mitzuhalten. Das Netzwerk der Außenhandelskammern unterstützt dabei.
IHK: Frau Vogelbach, wo stehen Europa und insbesondere Deutschland im Wettbewerb mit den Wirtschaftsmächten USA und China – und was bedeutet das ganz praktisch für die Unternehmen hierzulande?
Melanie Vogelbach:
Wir stehen offenkundig in einem intensiver werdenden Wettbewerb zwischen den USA und China. Beide Großmächte setzen strategisch auf technologische Führerschaft, geopolitischen Einfluss und die Sicherung von Schlüsselindustrien. Für Deutschland als starke, exportorientierte Volkswirtschaft bedeutet das: Wir können nicht nur vom Seitenrand zuschauen, wir sind nämlich selbst unmittelbar betroffen – sowohl durch globale Lieferketten als auch politische Rahmenbedingungen wie Handelsrestriktionen oder Subventionsprogramme. Unternehmen hierzulande müssen deshalb ihre Geschäftsmodelle robuster und flexibler gestalten. Dazu gehört die Diversifizierung von Märkten und Lieferketten zur Reduzierung von Abhängigkeiten, „Local-for-Local“-Strategien sowie stärkere Investitionen in Zukunftstechnologien.
Stichwort Risikoreduzierung bei China-Abhängigkeiten: Was liegt bei den Unternehmen, wo kann der Staat sinnvoll flankieren? Welche ersten Schritte sind realistisch, ohne den Handel abzubrechen?
Die Wirtschaft ist sich der Risiken bewusst und ergreift bereits Maßnahmen, um Abhängigkeiten zu senken. In Umfragen berichten uns jedoch über 80 Prozent der Unternehmen von Herausforderungen bei der Diversifizierung. Jeder zweite Betrieb hat Probleme, passende Lieferanten zu finden. Jede dritte Firma beklagt wachsende Rechts- und Regulierungsprobleme. Es braucht schnellere und umfassende Handelsabkommen, einen spürbaren Abbau der Bürokratie in der Außenwirtschaft und in der Praxis anwendbare Vorgaben bei den Sorgfaltspflichten. Ellenlange Fragenkataloge verbessern die Lieferketten-Resilienz nicht und erschweren das Aktivwerden in risikoreicheren Märkten.
Kommen wir auf Importabhängigkeiten von China zu sprechen: Bei welchen Produkten sind deutsche Firmen besonders verwundbar – und wie lassen sich diese Risiken konkret verringern?
Insgesamt sind laut EU-Kommission nur sechs Prozent aller Importe von strategischen Abhängigkeiten betroffen, ein Drittel davon sind kritische Rohstoffe. Allerdings haben die Unterbrechungen in den Lieferketten aufgrund von Exportrestriktionen bei seltenen Erden und anderen kritischen Rohstoffen noch einmal die Abhängigkeiten verdeutlicht. Fast die Hälfte der weltweiten Rohstoffverarbeitung findet in China statt. Um diese zu verringern, braucht es vertiefte Partnerschaften mit anderen rohstoffreichen Partnern unter starker Einbindung der Wirtschaft. Der Rohstoff-Fonds der Bundesregierung kann hier flankieren. Es braucht aber auch privates Kapital, zum Beispiel über Private-Public-Partnerships. Diese Investitionen würden nicht nur unsere Abhängigkeiten verringern, sondern könnten über die Entwicklungszusammenarbeit auch die lokale Wertschöpfung festigen.
Unternehmen hierzulande müssen deshalb ihre Geschäftsmodelle robuster und flexibler gestalten.Melanie Vogelbach
Wie wirken chinesische Subventionen, Überkapazitäten und ein schwacher Yuan auf deutsche Exporte – und wie reagieren Unternehmen darauf?
Die deutsche Exportwirtschaft steht genau wegen dieser Punkte unter Zugzwang. China hat Deutschland – auch aufgrund wettbewerbsverzerrender Maßnahmen seitens der Regierung – in den vergangenen Jahren erhebliche Anteile auf dem Weltmarkt abgenommen und zugleich stark an Bedeutung für deutsche Exporte verloren. Ein zentrales Thema ist der schwache Yuan: Experten zufolge ist dieser gegenüber dem Euro deutlich unterbewertet – ein großer Kostenvorteil für chinesische Exporteure gegenüber westlichen Konkurrenten. Der Wechselkurs wird von der chinesischen Zentralbank kontrolliert und entwickelt sich nicht frei nach Marktkräften. Trotz aller Herausforderungen bleibt China nicht nur ein zentraler Markt, sondern wird auch ein immer wichtigerer Innovations- und Technologiepartner. Dementsprechend müssen wettbewerbsverzerrende Maßnahmen auf Regierungsebene offen angesprochen und gelöst werden.
Mittlerweile gilt China als Innovationstreiber statt als Kopierer – wie bleibt die deutsche Wirtschaft dabei konkurrenzfähig?
Viele Unternehmen berichten, dass sie in China nur mit zusätzlichen Investitionen wettbewerbsfähig bleiben können. Zudem ist das Land längst nicht mehr nur Werkbank, sondern gewiss auch Innovator. Auch unsere Betriebe profitieren von der Innovationskraft vor Ort. Wir müssen nur darauf achten, dass der Innovations- und Wissensaustausch beiderseitig vorteilhaft und transparent bleibt und geistiges Eigentum geschützt wird.
Wechseln wir von China thematisch zu den USA: Wie wirkt sich die aktuelle US-Handelspolitik auf deutsche Exporteure aus?
Die aktuelle US-Handelspolitik macht deutschen Exporteuren erheblich zu schaffen. Seit April 2025 verzeichnen wir pro Monat rund eine Milliarde Euro weniger Exporte in die USA, insbesondere aufgrund der Zollpolitik. Der jüngste EU-USA-Deal ist aus Sicht der meisten Firmen unzureichend und kann nur ein erster Schritt sein. Besonders belastend sind weiterhin die Stahl- und Aluminiumzölle auf verarbeitete Produkte. Hier führt die rechtliche Unsicherheit im Zollverfahren zu erheblichen Problemen. Der bürokratische Aufwand ist enorm – selbst für einfache Produkte wie eine Stahlschraube. Hinzu kommt eine hohe handelspolitische Unsicherheit: Sektorale Zolluntersuchungen laufen weiter, Gerichtsverfahren und Abstimmungen im EU-Parlament stehen noch aus. Das sorgt für Zurückhaltung bei Investitionen.
Wie sollte Deutschland seine eigene Offenheit strategischer managen, ohne in Protektionismus zu verfallen?
Jeder vierte deutsche Job hängt am Export, in der Industrie sogar jeder zweite. Der weltweite Einsatz der Bundesregierung für offenen und regelbasierten Handel bleibt für die deutsche Wirtschaft unerlässlich. Dazu gehört auch, dass die EU sich nicht abschottet. Gleichzeitig gilt es, sich an das New Normal im Außenhandel anzupassen: Unsere beiden wichtigsten Handelspartner halten sich nicht an vereinbarte Regeln und nutzen verstärkt wirtschaftliche Erpressung gegen Europa. Daher hat der Abbau von strategischen Abhängigkeiten höchste Priorität, um unseren Kontinent souveräner aufzustellen.
Wenn sich die USA teils zurückziehen – wo entstehen Chancen für die EU und deutsche Unternehmen?
Der zunehmende US-Protektionismus widerspricht dem regelbasierten Welthandel. Die EU reagiert mit einer aktiven Handelspolitik und sucht neue Freihandelspartner – etwa in Südostasien, Indien oder den Mercosur-Staaten. Solche Märkte bieten Wachstumspotenzial und könnten Abhängigkeiten tatsächlich reduzieren. Darüber hinaus entstehen Chancen in Afrika, wo die Nachfrage nach Infrastruktur, Maschinenbau und grünen Technologien unaufhörlich wächst.
US‑Industriepolitik und „Buy American“: Wie positionieren sich deutsche Unternehmen, wenn die USA ihre Industrie fördern und öffentliche Aufträge stärker lokal ausrichten?
Die „Buy American“-Regelungen sind seit Langem ein Hemmnis. In unserem aktuellen AHK World Business Outlook nennt dies jedes fünfte deutsche Unternehmen in den USA als Problemfaktor. Trotzdem setzen die Betriebe zunehmend auf die eingangs erwähnte „Local-for-Local“-Strategie: Produktion und Wertschöpfung vor Ort, um Zugang zu Märkten und öffentlichen Aufträgen zu sichern. Das verändert aber auch Wertschöpfungsketten – mehr Investitionen in US-Standorte und weniger Exporte aus Europa. Für Europa und Deutschland heißt das: Wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit ausbauen, um im globalen Standortwettbewerb Schritt zu halten. Gleichzeitig sollten wir die Chancen nutzen, die sich aus der US-Industriepolitik ergeben; etwa Kooperationen im Bereich grüner Technologien, Wasserstoff und Digitalisierung – deutsche Firmen sind hier bereits Vorreiter.
Welche pragmatischen Schritte empfehlen Sie vor diesem Hintergrund den Mittelständlern?
Nach der Pandemie haben kleine und mittlere Unternehmen bereits einiges unternommen, um Abhängigkeiten zu senken. Viele stellen ihre Zuliefernetzwerke breiter auf oder bauen ihre Lager aus, um kurzfristige Ausfälle zu kompensieren. Gleichzeitig sind höhere Lagerbestände auch mit Kosten verbunden. Hier sollte die EU die Unternehmen durch steuerliche Anreize oder Erleichterungen unterstützen, statt auf eine staatliche Bevorratung bei den kritischen Produkten zu setzen. Unser Netzwerk der Außenhandelskammern unterstützt deutsche Unternehmen dabei, neue Märkte und Partner zu erschließen. Der Diverification-Desk der AHK Greater China berät Betriebe unter anderen dabei, mögliche Abhängigkeiten durch „China+1-Modelle“ zu mindern.
Mit welchen Ländern sollte die EU jetzt handelspolitisch stärker zusammenarbeiten?
Die EU hat endlich den Handelspolitik-Turbo eingelegt. Jetzt gilt es, Nägel mit Köpfen zu machen: Viele Unternehmen hoffen deshalb, dass das Mercosur-Abkommen nun rasch angewendet werden kann; nach Abschluss der Verhandlungen mit Indien und Indonesien müssen diese Abkommen, aber auch jene mit Mexiko und der Schweiz, rasch ratifiziert werden. Auch Abkommen mit Thailand, Malaysia, den Philippinen, dem Vereinigten Königreich, Australien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sollten zügig abgeschlossen werden. Zudem sollte die EU sich auf Nachbarländer und auf eine engere Zusammenarbeit mit der Transpazifischen Partnerschaft (CPTPP) fokussieren.
Interview: Heike Horres
2/2026
