IHK-Konjunkturumfrage für das zweite Quartal 2021

Regionale Konjunktur auf kräftigem Erholungskurs

Nachdem zahlreiche Corona-bedingte Einschränkungen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens aufgehoben worden sind, hat die regionale Wirtschaft ihren konjunkturellen Aufholprozess im Sommer mit neuem Schwung fortgesetzt, Die Befreiung zumindest von den schmerzlichsten Fesseln der Pandemiebekämpfung und der inzwischen eingetretene Impffortschritt schüren die Hoffnung auf ein absehbares Überwinden der Corona-Krise. Die Stimmung der Unternehmen im Wirtschaftsraum Braunschweig-Wolfsburg hat sich daher zuletzt erheblich verbessert. Dies ergibt sich aus dem gemeinsamen Konjunkturbericht der IHK Braunschweig und der IHK Lüneburg-Wolfsburg für das zweite Quartal 2021.
Demnach konnte der IHK-Konjunkturklimaindikator aktuell um satte 17 Punkte zulegen und einen Stand von 117 erreichen. Während der Weg aus dem Corona-Tal in den vorangegangenen Umfragequartalen noch recht beschwerlich verlaufen war (Zunahme des Indikators im Frühjahr nur um 5 Punkte und im Winter lediglich um 1 Punkt), hat die Erholung nun deutlich an Dynamik gewonnen. Mittlerweile bewegt sich der Konjunkturklimaindikator, der als Stimmungswert sowohl die Geschäftslage als auch die Geschäftserwartungen der Unternehmen abbildet, sogar schon wieder auf Vorkrisenniveau. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass der eingetretenen Aufwärtsbewegung ein historisches Rekordtief vorausging und somit ein gewisser Basiseffekt zum Tragen kommt.
Erfreulich ist, dass alle befragten Wirtschaftszweige zum Indikatoranstieg beitragen konnten. An die Spitze des Konjunkturzugs setzte sich dabei die Dienstleistungswirtschaft mit einem sektoralen Konjunkturklimaindikator von 129. Es folgt die Industrie, die bereits im Vorquartal zu einem merklichen Aufholprozess angesetzt hatte, mit einem Indikatorstand von 112. Nachgezogen hat nun auch der Großhandel, für den aktuell ein Indikatorwert von 108 zu verzeichnen ist. Der Einzelhandel, der im Winter und im Frühjahr in besonderem Maße unter den Lockdown-Maßnahmen zu leiden hatte, konnte im laufenden Sommer zwar glatte 40 Indikatorpunkte gutmachen, bleibt mit einem Indikatorstand von 96 aber weiterhin das Schlusslicht.
Hervorzuheben ist, dass die über alle Branchen hinweg angestiegene Stimmung auf zwei Faktoren beruht: Zum einen auf den klar verbesserten Lagebeurteilungen und zum anderen auf den wieder merklich zuversichtlicheren Geschäftsprognosen der regionalen Wirtschaft. So bezeichnet derzeit fast jeder dritte befragte Betrieb seine Geschäftslage als gut. Gut die Hälfte sieht sie zumindest als befriedigend an. 16 Prozent der Unternehmen beurteilen ihre Situation hingegen als schlecht. Der Saldo aus guten und schlechten Lagebewertungen beträgt +16 und liegt damit erstmals seit Ausbruch der Corona-Krise wieder – und zwar deutlich – im Positivbereich. Zum Vorteil haben sich auch die Aussichten der Unternehmen auf die Geschäftsentwicklung im weiteren Jahresverlauf entwickelt. Knapp 30 Prozent der Befragten gehen von einer geschäftlichen Aufhellung aus. 60 Prozent erwarten eine unveränderte Situation und lediglich ein gutes Zehntel der Betriebe befürchtet eine Eintrübung seines Geschäftsbetriebs. Damit erreichen auch die Geschäftserwartungen der Unternehmen ein Niveau, dass zuletzt vor Pandemiebeginn zu verzeichnen war.
„Die Ergebnisse sind erfreulich, dennoch läuft noch längst nicht wieder alles rund“, kommentiert Dr. Florian Löbermann, Hauptgeschäftsführer der IHK Braunschweig, die Resultate der Konjunkturumfrage. „Vor allem in der Industrie, aber auch in anderen Wirtschaftszweigen, wird der weitere Aufschwung durch die mangelnde Verfügbarkeit von Rohstoffen und teilweise extreme Preissprünge für Einsatzmaterialien eingebremst. Und nach wie vor ist es für Branchen wie die Gastronomie, die Hotellerie, die Tourismuswirtschaft und das Veranstaltungsgewerbe trotz erfolgter Lockerungen schwierig, unter den geltenden Pandemiebedingungen wirtschaftlich profitabel zu arbeiten. Auch der Einzelhandel, der in der Corona-Krise insbesondere in den Innenstädten schwer gelitten hat, bedarf nun der besonderen Aufmerksamkeit.“
Dies bekräftigt Michael Zeinert, Hauptgeschäftsführer der IHK Lüneburg-Wolfsburg, ausdrücklich: „Die immer noch sehr labile Handelskonjunktur zeigt, dass nach der Corona-Pandemie ein klarer Fokus auf die Belebung, Stabilisierung und Weiterentwicklung der Innenstädte gelegt werden muss. Hierfür ist es von zentraler Bedeutung, deren Erreichbarkeit sicherzustellen. So müssen alle Besucher und Kunden die Innenstadt barrierefrei mit den von ihnen frei gewählten Verkehrsmitteln erreichen können. Da der motorisierte Individualverkehr auf absehbare Zukunft das dominierende Verkehrsmittel bleiben wird, ist er im Rahmen einer urbanen Mobilitätspolitik mit dem erforderlichen Gewicht zu berücksichtigen. Und nicht zuletzt müssen bedarfsgerechte Wirtschafts- und Lieferverkehre auch künftig die Versorgung der Gewerbetreibenden in den Innenstädten sicherstellen.“

Gesamtwirtschaft Region Braunschweig-Wolfsburg

Bei allen wichtigen Indikatoren zur Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Lage im Raum Braunschweig-Wolfsburg zeigen die Tendenzpfeile nach oben. Vergleichen mit dem Vorquartal haben sich die Relationen also jeweils verbessert – was angesichts der im Frühjahr noch sehr weitreichenden pandemiebedingten Einschränkungen aber auch keine Überraschung ist. Der sommerliche Stimmungsaufschwung zieht seine Kraft gleichermaßen aus der stark aufgeheiterten Geschäftslage wie aus dem geschäftlichen Blick nach vorn. Mittlerweile wird das Konjunkturgeschehen auch nicht mehr allein durch die Corona-Thematik bestimmt. Zwar ist die Sorge vor einer vierten Welle vor allem in den besonders betroffenen Branchen weiterhin präsent, die Furcht vor pandemiebedingten Nachfrageausfällen aus dem In- und Ausland ist inzwischen aber deutlich geringer geworden. Stattdessen avancieren die erheblich gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise zum Top-Risiko für die regionale Wirtschaft. Fast 60 Prozent der befragten Betriebe sehen hierin eine Gefahr für die künftige Unternehmensentwicklung. Auch die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen sieht mehr als jedes zweite Unternehmen als Risikofaktor an. In diesem Zusammenhang sorgt etwa der ungewisse Ausgang der Bundestagswahl im September bereits jetzt für eine gewisse Verunsicherung.
Dass die regionale Wirtschaft die Corona-Krise so langsam aus den Kleidern schüttelt, zeigt sich auch beim Blick auf deren Investitions- und Beschäftigungsplanungen. Sowohl die Investitionsneigung als auch die Beschäftigungsbereitschaft der befragten Betriebe ist zum fünften Mal in Folge angewachsen. Derzeit gehen 28 Prozent der Unternehmen von einer Ausweitung ihrer Investitionsbudgets aus, 58 Prozent wollen ihre bestehenden Pläne unverändert umsetzen. Nur noch 14 Prozent der Betriebe planen dagegen, ihre Investitionen zusammenzustreichen. Höher war die Investitionsbereitschaft zuletzt vor zweieinhalb Jahren. Etwas vorsichtiger lösen die befragten Unternehmen das Bremspedal bei ihren Personalplänen. Allerdings wurden diese in der Krise ohnehin weniger stark zurückgefahren als die Investitionspläne, um die wertvollen Fachkräfte an Bord zu halten.

Industrie

In der Industrie hat sich der bereits seit einiger Zeit anhaltende Erholungsprozess fortgesetzt und sogar noch einmal verstärkt. Der branchenbezogene Konjunkturklimaindikator stieg um 9 Punkte auf einen Wert von 112 an. Speziell die Geschäftslage wird von den Industrieunternehmen im Sommer nochmals besser bewertet als in den Vorquartalen. Momentan beurteilt fast jeder dritte Betrieb seine Geschäftslage als gut, mehr als die Hälfte sieht sie immerhin als befriedigend an. Nur noch 15 Prozent der Produktionsunternehmen sind mit ihrer geschäftlichen Situation unzufrieden. Der Saldo aus positiven und negativen Lagebeurteilungen beträgt +17; der beste Wert seit mehr als zwei Jahren. Erneut konnten zahlreiche Betriebe Umsatzsteigerungen im Vergleich zum Vorquartal realisieren. Auch mit ihren Auftragseingängen zeigen sich die Fabrikanten zufrieden, wobei die Impulse aus dem Ausland etwas stärker ausfielen als aus dem Inland. Momentan bezeichnen 42 Prozent der Industriebetriebe ihren Auftragsbestand als verhältnismäßig groß, 41 Prozent halten ihn für ausreichend bzw. saisonüblich und nur 17 Prozent empfinden ihn als zu klein. Derartig positive Relationen waren schon lange nicht mehr zu verzeichnen. Einen Dämpfer erhält die Industriekonjunktur gegenwärtig durch die mangelnde Verfügbarkeit von Rohstoffen und Einsatzmaterialien, die teils mit außerordentlichen Preissteigerungen verbunden ist. So sehen drei von vier Industrieunternehmen in den Energie- und Rohstoffpreisen ein großes Risiko für ihre weitere Unternehmensentwicklung. Zudem sorgen hohe Frachtkosten für zusätzliche Belastungen.

Einzelhandel

Dass der Konjunkturklimaindikator für den Einzelhandel zum Sommer hin deutlich zugelegt hat, ist wenig überraschend und auch keinesfalls ein Grund zur Entwarnung. Sein Anstieg um 40 Punkte auf einen Stand von 96 muss vor dem Hintergrund eines außerordentlich niedrigen Ausgangsniveaus betrachtet werden. So waren weite Teile des Einzelhandels im Frühjahr noch vom Lockdown betroffen. Mit dem schrittweisen Wegfall der Beschränkungen zur Pandemiebekämpfung konnten nun alle Händler ihren Geschäftsbetrieb wieder aufnehmen. Vom Normalzustand ist der Einzelhandel aber immer noch ein gutes Stück entfernt. So bezeichnet zurzeit nicht einmal jeder zehnte Einzelhändler seine Geschäftslage als gut. Knapp drei Viertel sehen sie immerhin als befriedigend an. Fast jeder fünfte Händler vermeldet jedoch schlechte Geschäfte. Vor der Corona-Krise waren diese Relationen noch merklich günstiger ausgefallen. Besonders zu leiden hatten in der Pandemie die häufig in den Innenstädten ansässigen Anbieter von Textilien, Bekleidung, Schuhen, Lederwaren, Uhren und Schmuck. Hingegen erlebte der stationäre Einzelhandel mit Lebensmitteln, Drogeriewaren, Bau- und Gartenartikeln, Fahrrädern sowie der Online-Handel eine veritable Sonderkonjunktur. Nach den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit ist die Sorge des Einzelhandels vor einer vierten Pandemiewelle groß. Infolgedessen haben sich die Geschäftserwartungen an die kommenden Monate zwar deutlich verbessert, sie fallen aber noch längst nicht euphorisch aus.

Großhandel

Im Frühjahr war die konjunkturelle Erholung des Großhandels noch erkennbar ins Stocken geraten. Zum Sommer hin hat die Branche aber nun zum Aufholschwung angesetzt. Der sektorale Konjunkturklimaindikator verzeichnete einen Zuwachs um 23 Punkte und kletterte auf einen Wert von 108. Zur Stimmungsaufhellung haben sowohl verbesserte Lagebeurteilungen als auch optimistischere Geschäftsaussichten beigetragen. Allerdings bleiben die Lagebeurteilungen noch erkennbar hinter den Geschäftserwartungen zurück. So bezeichnen immer noch 27 Prozent der Grossisten ihre Geschäftslage als schlecht. Mehr als die Hälfte hält sie für befriedigend. Dagegen freut sich nur jedes fünfte Großhandelsunternehmen über gute Geschäfte. Dennoch ist es vielen Großhändlern gelungen, ihre Umsätze und Erträge gegenüber dem Vorquartal zu steigern. Dabei profitierte der konsumnahe Großhandel vom Anstieg des privaten Verbrauchs nach dem Ende des Lockdowns und der produktionsbezogene Großhandel von der wachsenden Bestellfreudigkeit seiner Industriekunden. Und so blickt die Branche nun auch mit deutlich gewachsener Zuversicht voraus auf die künftige Geschäftsentwicklung. 42 Prozent der befragten Grossisten rechnen mit besseren Geschäften. Ein ebenso großer Anteil geht zumindest von einem gleichbleibenden Verlauf aus. Nur eine Minderheit von 16 Prozent bewertet die eigenen Geschäftsaussichten als schlecht. In diesem Zuge ist auch die Investitions- und Beschäftigungsbereitschaft der Branche angestiegen, bleibt aber insgesamt noch verhalten.

Dienstleistungen

Die Stimmung im Dienstleistungsgewerbe hat sich weiter aufgeheitert. Der Konjunkturklimaindikator machte einen Satz um 20 Punkte auf einen neuen Stand von 129. Zahlreiche Dienstleister konnten ihre Umsätze und Erträge ebenso steigern wie ihre Auftragseingänge. Die Beurteilungen der geschäftlichen Lage fallen entsprechend positiv aus. Aktuell bewerten 42 Prozent aller Dienstleister ihre Geschäftslage als gut, ein fast ebenso hoher Anteil sieht sie immerhin als befriedigend an. Nur 17 Prozent der Betriebe sind mit ihrer Situation unzufrieden. Der Saldo aus positiven und negativen Lagebeurteilungen beträgt demnach +25. Dies ist zwar der beste Wert unter allen betrachteten Wirtschaftszweigen - vor der Corona-Krise waren die Lagebeurteilungen der Dienstleister aber regelmäßig noch positiver ausgefallen. Die Rückkehr zur Normalität kann also noch nicht vermeldet werden – was ganz besonders für stark pandemiebetroffene Dienstleistungszweige wie das Gastgewerbe oder die Reise- und Veranstaltungsbranche gilt. Die Prognosen zum Geschäftsverlauf in den kommenden Monaten fallen ähnlich wie schon im Vorquartal recht optimistisch aus. 39 Prozent der Dienstleister erwarten eine geschäftliche Aufhellung, 55 Prozent eine gleichbleibende Entwicklung. Nur 6 Prozent gehen dagegen von einer Eintrübung aus. Korrespondierend mit den positiven Geschäftsaussichten zeigt die Tendenz bei den in der Krise stark gestutzten Investitionsplänen erneut deutlich nach oben. Und nicht zuletzt hat auch die Einstellungsbereitschaft der Dienstleister wieder merklich zugenommen.
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