Ausbildung: In Etappen zum Ziel

Die Teilqualifizierung ist ein effektives Instrument, Menschen weiterzubilden – und ein zusätzlicher Baustein, um den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen.
Von Sven Frohwein
Murat Esme hat schon vieles ausprobiert – eine Ausbildung zum Maler und Lackierer begonnen und abgebrochen, im Callcenter gejobbt und in der Systemgastronomie. Mittlerweile weiß der 32-Jährige, was er möchte: „Ich hoffe auf einen Brief in der Hand. Ich möchte bei Opel ­weiterarbeiten.“ Esme macht zurzeit eine Teilqualifizierung bei der Opel Group Warehousing GmbH in Bochum. Sein Berufsziel: Fachlagerist werden, und vielleicht auch noch Fachkraft für Lagerlogistik.
Der Weg dorthin ist für ihn die Teilqualifizierung, ein aner­kanntes Weiterbildungsinstrument, um Menschen über 25, die bislang keine Berufsausbildung haben oder aber eine neue Qualifikation erlernen möchten, (wieder) fit für den ersten Arbeitsmarkt zu machen. Im Fall von Murat Esme ­bedeutet das: fünf verschiedene Module im Bereich der Teilqualifizierung, zwei Jahre Ausbildung mit verschiedenen Praxiseinheiten. Und am Ende dieser Zeit darf Esme sich zur Abschlussprüfung bei der IHK anmelden.
„Der klassische Weg, an Fachkräfte zu kommen, wird immer schwieriger“, sagt Osman Öz, stellvertretender Ausbildungsleiter bei Opel in Bochum. Deshalb setzt das Unternehmen an seinem Logistikstandort im Osten der Stadt auf die Teilqualifizierung (TQ). Der Konzern errichtete im Stadtteil Langendreer ein eigenes Schulungszentrum für das Thema Logistik. „Wir machen hier alles aus einer Hand“, sagt Öz. „Menschen, die weiterhin im Leistungsbezug der Bundesagentur für Arbeit oder des Jobcenters sind, können bei uns die einzelnen Module der Teilqualifizierung absolvieren und Praxiserfahrung sammeln."
„Unsere Mitgliedsunternehmen sollten sich alle Möglichkeiten offenhalten, die immer größer werdende Fachkräftelücke zu schließen.“
„Unsere Mitgliedsunternehmen sollten sich alle Möglichkeiten offenhalten, die immer größer werdende Fachkräftelücke zu schließen“, sagt auch Michael Bergmann, Hauptgeschäftsführer der IHK Mittleres Ruhrgebiet. „Die Teilqualifizierung ist ein wirksames Instrument, Menschen eine neue beruf­liche Perspektive zu geben.“ Und sie sei ein echter Gewinn für beide Seiten: „Die Betriebe können Mitarbeiter:innen gezielt fit für künftige Herausforderungen machen – und Menschen, die eine Teilqualifizierung durchlaufen, steigern ihre Chancen auf dem Jobmarkt der Zukunft deutlich.“
Wer sich für eine TQ entscheidet, macht seine Ausbildung in Etappen. Jedes sogenannte Modul dauert drei bis vier ­Monate, Praxisteil eingeschlossen. Am Ende einer jeden Etappe stehen eine schriftliche und eine mündliche Prüfung. Wer diese besteht, darf mit dem nächsten Modul ­beginnen. Im Bereich der Lagerlogistik heißt das: Nach fünf verschiedenen Modulen winkt die Abschlussprüfung zum Fachlageristen. Wer ein weiteres Jahr oder zwei zusätzliche Module absolviert, darf sich zur Prüfung als Fachkraft für Lagerlogistik anmelden. Beide Abschlüsse sind gleichbedeutend mit den Qualifikationen, die man während einer dualen Ausbildung erwerben kann.
Für die Opel Group Warehousing GmbH sind die TQ-Teilneh­mer:innen ein Glücksfall. „Wir können auf diese ­Weise ­bedarfsgerecht ausbilden und Menschen, die auf der ­Suche nach einer neuen beruflichen Perspektive sind, eine ­Chance geben.“
Zudem setzt Opel auf einen Coaching-Prozess: ­„Jeder TQ-Teilnehmer hat einen persönlichen ­Ansprechpartner. So gewährleisten wir, dass wir die Menschen dort abholen, wo sie stehen, und den Weg mit ihnen gemeinsam gehen.“
Der Erfolg gibt Opel Recht: „Wir bemerken öfter, dass TQ-Teilnehmer deutlich motivierter sind als klassische Auszubildende“, sagt Osman Öz. Das habe aber nicht nur mit geistiger Reife zu tun, sondern auch damit, dass viele die TQ als echte Chance verstünden. „Mehr als 95 Prozent bestehen die Prüfung“, betont Öz den Erfolg der Maßnahme. „Und unsere Vermittlungsquote bei einem erfolgreichen Abschluss der Teilqualifizierung liegt bei 100 Prozent.“
Manuel Gemballa ist schon etwas weiter in seiner Teilqualifizierung. Er absolviert gerade das vierte Modul bei Opel. Sein Ziel: alle sieben Module erfolgreich beenden und dann ebenfalls bei Opel anheuern. Gemballa arbeitete 13 Jahre lang an einer Tankstelle, verlor durch einen Pächterwechsel seinen Job und war ein Jahr arbeitslos. „Ich möchte raus aus dem Bürgergeld-Bezug und mir eine neue Existenz aufbauen.“
Für Marco Nickel vom Bildungsinstitut Vogel in Bochum ist Gemballas Lebenslauf kein Einzelfall: „Viele TQ-Teilnehmer haben Brüche in ihrem Lebenslauf. Die Teilqualifizierung ist gerade für Menschen eine richtig gute Erfindung, die ­bislang keine abgeschlossene Berufsausbildung haben.“ Beim Bildungsinstitut absolvieren TQ-Teilnehmer:innen von Betrieben, die keine eigene interne Schulungsmöglichkeit haben, ihre Theoriephasen.
Auch bei Vogel ist die Erfolgsquote hoch. Und: „Die Teilnehmer schließen bei den Prüfungen brutal gut ab“, sagt Nickel mit einem ­Zwinkern. Das liege auch daran, dass die TQ-Teilnehmer:innen vieles öfter wiederholen und behandeln als in der Berufsschule, weil am Ende eines jeden Moduls eine Prüfung stehe. „Das macht die Teilnehmer sicherer und beim Abschluss besser.“ Aus diesem Grund sei die TQ auch etwas für Menschen mit Lernschwächen und Prüfungsangst. „Sie gehen einfach deutlich besser vorbereitet in die Prüfungen“, weiß Nickel.
Das sieht auch Bettina Knipp so. Die Prokuristin des Bildungsträgers KSI Bochum GmbH organisiert und betreut ebenfalls Teilqualifizierungen – und zwar in den Bereichen Schutz und Sicherheit sowie für den Beruf der Kaufleute für Büromanagement. Das erste Modul der Teilqualifizierung im Bereich Schutz und Sicherheit dauere sechs Monate, die kaufmännische TQ-Ausbildung mit insgesamt sechs Modulen zwei Jahre. Vor allem für Frauen, die lange aus ihrem gelernten Beruf raus seien, sei eine Teilqualifikation eine Chance, wieder im Job Fuß zu fassen. Bettina Knipp nennt das „einen sanften Einstieg“.
„Das finanzielle Risiko für die Unternehmen ist gering, weil die Maßnahmen ausschließlich über die Arbeitsagentur ­finanziert werden.“
Und wie kommen die TQ-Teilnehmer:innen in eine Maßnahme? „Entweder sagt der Arbeitsvermittler bei der Agentur für Arbeit, eine TQ wäre schön. Oder aber ein Interessent meldet sich beim Arbeitsvermittler und sagt, das möchte ich machen“, so Knipp. Der Weg gehe allerdings immer über den Kostenträger, der einen Bildungsgutschein ausstelle. „Und den können die Teilnehmer dann bei Bildungsträgern wie uns einlösen. Wir übernehmen dann die Anmeldung bei der IHK und kümmern uns um die Zusage zur Kompetenzfeststellung.“
„Das finanzielle Risiko für die Unternehmen ist gering, weil die Maßnahmen ausschließlich über die Arbeitsagentur ­finanziert werden“, sagt Marco Nickel vom ­Bildungsinstitut Vogel. Die Lehrgangskosten übernehme die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter komplett, die Übernahme der ­Gehaltskosten variiere zwischen 25 und 100 Prozent, je nach Größe des Unternehmens. Nickel: „Firmen mit über 500 Mitarbeitern bekommen einen Zuschuss von 25 Prozent, Unternehmen zwischen 50 und 499 Mitarbeitern erhalten 50 ­Prozent der Lohnkosten ersetzt, und bei Betrieben mit einem bis 49 Mitarbeitern sind es sogar 100 Prozent.“
Marco Nickel gibt allerdings zu bedenken, dass den Betrieben, die TQ einführen möchten, klar sein müsse, dass die Teilnehmer:innen nicht zu 100 Prozent im Betrieb seien: „Es ist eine Frage der Absprache, ob die Teilnehmer Blockunterricht haben oder die Praxisphasen mit dem Unterricht unterwöchig kombiniert werden.“
„Selbst wenn du über 25 bist: Mach eine Ausbildung in der Logistik. Die Branche boomt, die Chancen stehen gut."
Das Instrument der Teilqualifikation lohne sich für die Unternehmen aber in jedem Fall: „Ein weiterer Pluspunkt für die Betriebe ist, dass eine TQ immer freiwillig ist; entsprechend hoch ist die Motivation der Teilnehmer, das auch durchzuziehen, um einen Abschluss in der Tasche zu haben.“
Und was rät Nickel all jenen, die auf der Suche nach einer Neuorientierung sind? „Selbst wenn du über 25 bist: Mach eine Ausbildung in der Logistik. Die Branche boomt, die Chancen stehen gut. Und es ist einer der einfachsten Wege zu einer abgeschlossenen Ausbildung!“ Das werden Murat Esme und Manuel Gemballa gerne hören.

„Das oberste Ziel der IHK ist immer der Berufsabschluss.“

Alexandra Brnicanin, Ausbildungsberaterin bei der IHK Mittleres Ruhrgebiet, erklärt, welche Rolle die Industrie- und Handelskammer bei Teilqualifizierungen spielt.
Warum sollten sich Unternehmen mit dem Thema ­Teilqualifizierung beschäftigen?
Fachkräftesicherung ist eines der drängendsten Themen in der Wirtschaft. Mit TQs wird eine Zielgruppe angesprochen, für die eine betriebliche Einzel- oder eine Gruppenumschulung nicht in Frage kommt. Mit diesem Instrument können geringqualifizierte Menschen, die das Lernen nicht gewöhnt sind, und zunehmend auch Geflüchtete, die ohne ­verwertbare Berufsqualifikationen im Arbeitsmarkt integriert werden sollen, Schritt für Schritt zum Berufsabschluss gelangen.
Sind Teilqualifikationen nur dann ein Erfolg, wenn die ­Abschlussprüfung bestanden wurde?
Nein. Das oberste Ziel unserer IHK ist zwar immer der Berufsabschluss. Aber auch wenn Teilnehmer:innen nicht alle TQ-Module durchlaufen haben, dann haben sie mit jeder Kompetenzfeststellung bewiesen, dass sie in einem Bereich beruflich handlungsfähig sind. Dies können sie mit dem IHK-Zertifikat nachweisen.
Warum sind Teilqualifizierungen für Unternehmen interessant?
In vielen Unternehmen sind Menschen beschäftigt, die angelernt und ohne Berufsabschluss sind. Oder es werden Menschen beschäftigt, deren Berufsabschlüsse nicht mehr den heutigen Anforderungen entsprechen. Teilqualifizierungen ermöglichen es, die Betroffenen in Beschäftigung zu ­halten und beschäftigungsbegleitend nachzuqualifizieren. Als abschlussorientierte Weiterbildung sind Teilqualifikationen förderfähig. Die Agentur für Arbeit kann die Lehrgangskosten übernehmen und einen Arbeitsentgeltzuschuss ­zahlen. Der variiert aber je nach Größe des Unternehmens.
Alle Infos zum Thema Teilqualifikationen auf einen Blick: https://teilqualifikation.dihk.de/