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Wie ein buntes Puzzle
Nichts ist gleich, doch alles passt gut zusammen: Das ist das Mosaikviertel in der Bochumer Innenstadt. An der unteren Kortumstraße setzen sich alte Hasen und Newcomer gemeinsam für ihr Quartier ein.
Von Anna Kalweit (Text) und Volker Wiciok (Fotos)
Konditorei Cremino
Machen Tortenträume wahr: Konditor Mahmoud Ismailat und Tochter Hiba
Mahmoud Ismailat macht Träume wahr, wenn es um leckere Torten geht. Ob bunte Geburtstagskuchen mit Actionhelden oder der perfekte Naked Cake zur Hochzeit – seit Anfang 2024 erfüllt der Konditormeister die Wünsche seiner Kund:innen in seiner Backstube an der Brückstraße 21. Das Geschäft übernahm er von Familie Brechtmann, die hier mehr als 40 Jahre ansässig war. Einiges, wie die markanten Türgriffe in Baumkuchenform, erinnern an diese alten Zeiten. „Wir wollten nicht zu viel verändern. Hier und da haben wir aber unseren eigenen Touch ergänzt“, erzählt Tochter Hiba, die ihre Eltern in der Konditorei unterstützt.
Auch die gefragtesten Rezepte der Vorbesitzer hat Mahmoud Ismailat übernommen. Neben Sachertorte und Frankfurter Kranz gibt es aber auch viel Neues wie Plätzchen, Pralinen, Macarons oder Törtchen. Kein Zufall: Im Libanon wurde Ismailat in der französischen Patisserie ausgebildet. 2007 kam er nach Deutschland. Nach einem Zwischenstopp in Schleswig-Holstein fand die Familie Ismailat 2016 nach Bochum ihr Zuhause. Im Mosaikviertel kann der 44-Jährige nach verschiedenen Tätigkeiten wieder in seinem gelernten Beruf arbeiten.
Die Leute wissen Qualität zu schätzen.
Auch wenn die Konditorei ein echter Familienbetrieb ist, wird Tochter Hiba langfristig einen anderen Berufsweg einschlagen. Die 20-Jährige studiert aktuell Soziale Arbeit. Dass seine Tochter ihre eigenen Träume verfolgt, unterstützt Vater Mahmoud. Schade findet er es aber trotzdem, dass in Deutschland Jahr für Jahr viele Konditoreien vom Markt verschwinden. „Kleine Betriebe müssen kämpfen. Die steigenden Strom- und Zutatenpreise sind für viele eine Herausforderung“, bedauert er.
Neben den Köstlichkeiten in der Auslage sind die individuellen Torten das Herzstück des Geschäfts. Ab Frühjahr liegt der Fokus vor allem auf Hochzeiten, Taufen und Kommunionsfeiern. Mahmoud Ismailat zeigt auf seinem Tablet die Torten, die er in den letzten zwei Jahren angefertigt hat. Keine gleicht der anderen, denn in jedem Produkt stecken echte Handarbeit und die individuellen Wünsche der Kund:innen. Vom kleinen Geburtstagskuchen bis zur spektakulären, 1,80 Meter mal 1,80 Meter großen Torte für die Firmenfeier ist alles dabei. Die Torten sollen aber nicht nur schön aussehen, sondern auch gut schmecken. Daher achtet Mahmoud Ismailat bei den Lieferanten der Zutaten auf hohe Qualität. „Das wissen die Leute auch zu schätzen.“ Mittlerweile bietet er zusätzlich vegane Torten in beliebten Geschmacksrichtungen an, denn die werden immer gefragter.
Auch die Dubai-Schokolade, die 2025 einen weltweiten Foodhype auslöste, findet bei Cremino noch Absatz. Natürlich hat der Inhaber auch hierfür sein eigenes Rezept entwickelt. Für die handgemachte Schokolade kam die Kundschaft sogar aus den Nachbarstädten nach Bochum. Qualität setzt sich eben durch.
Hair Loft
Kais Toma mit Hair-Loft-Mitarbeiterinnen Iman Fattah (l.) und Maya: Der Quartiersmanager engagiert sich seit drei Jahren im Mosaikviertel – das wissen die Unternehmer:innen zu schätzen.
Ein heller, moderner Salon, leise Gespräche, das Summen der Föhne – und mittendrin viel gute Laune. Wer das Hair Loft betritt, merkt schnell: Hier geht es nicht nur um Haare, sondern ums Wohlfühlen.
Mit dem Hair Loft hat Inhaberin Sema Süretti ihren Traum vom eigenen Friseursalon erfüllt. Seit Juli 2024 belebt ihr Geschäft das Ladenlokal an der Kortumstraße 120. Unterstützt wird die Friseurmeisterin aktuell von zwei Angestellten, eine dritte kommt bald noch hinzu. „Bei uns gibt es nicht das typische Chefin-Mitarbeiter-Verhältnis, wir kommen alle super miteinander aus“, lobt Friseurgesellin Iman, die heute Sema Süretti vertritt, das Arbeitsklima. Die Atmosphäre überträgt sich auch auf die Kundinnen; viele kommen nicht nur wegen der Ergebnisse, sondern auch wegen der Stimmung.
Tatsächlich ist das Hair Loft ein reiner Damenfriseur, der sich vor allem auf Blondierung, Balayage und Babylights spezialisiert hat. „Auch wenn wir alle brünett sind“, sagt Iman lachend. Entscheidend ist für das Team vor allem eine ehrliche Beratung. Wer mit dunkel gefärbten Haaren kommt und sich eine Aufhellung wünscht, bekommt keine schnellen Versprechen, sondern eine realistische Einschätzung. „Das ist oft ein Prozess – und das sagen wir auch.“
Auch wer keinen Blondierungswunsch hat, ist gerne im Laden gesehen. Sema Süretti und ihr Team bieten auch die klassischen Dienstleistungen wie Waschen, Schneiden, Föhnen und Stylen an. Auch Haarverlängerungen sind im Hair Loft möglich. Und für die professionelle Haarpflege daheim können die Kundinnen das passende Shampoo und Co. nach Hause mitnehmen, die gleichen Produkte, die auch im Salon verwendet werden.
Das Mosaikviertel bietet den perfekten Standort für den Friseurladen, findet Mitarbeiterin Iman. „Es laufen viele Menschen vorbei, und wir sind extrem gut erreichbar.“ Das Design und die Gestaltung der Schaufenster fallen vielen auf. Neben der persönlichen Empfehlung ist Social Media der wichtigste Werbekanal geworden. Hier zeigen die Friseurinnen in Vorher-nachher-Videos ihre Arbeit und sprechen damit ihre Zielgruppe an.
Was den Beruf so besonders macht? „Wir sehen am Ende des Tages das Ergebnis unserer Arbeit“, schwärmt Iman. Wenn eine Kundin zufrieden aus dem Laden gehe, mache das einfach glücklich.
Orthopädie Schuhtechnik Josef Noack
Josef Noacks Augen strahlen, wenn er von seiner Arbeit spricht. Für den Orthopädie-Schuhmachermeister gibt es nichts Schöneres, als seinen Kund:innen beschwerdefreies Gehen zu ermöglichen: „Aus diesem Grund mache ich meine Arbeit.“ Geboren und aufgewachsen ist der 37-Jährige im Sauerland. Zu Bochum hat er aber bereits seit seiner Kindheit eine enge Bindung. Mit den Jahren wuchs die Liebe zur Stadt. Als er sich selbstständig machte, fand Noack im Mosaikviertel den perfekten Standort: 2020 übernahm er ein alteingesessenes Geschäft und ist seitdem an der Brückstraße 42 ansässig.
„Noch ansässig“ muss es eigentlich heißen, denn große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Im Sommer dieses Jahres zieht die Orthopädie Schuhtechnik um. Die neuen Geschäftsräume liegen nur einen Katzensprung entfernt, genauer gesagt direkt auf der anderen Straßenseite. In den ehemaligen Räumlichkeiten des Spielzeugladens Brummbär werden gerade Wände eingezogen, Kabel verlegt, und sogar ein Aufzug wird eingebaut. Josef Noack führt über die Baustelle. Wände und Böden sind noch nackt, aber er erzählt so leidenschaftlich von seinen Plänen, dass diese vor dem geistigen Auge Gestalt annehmen.
Platz für Ideen gibt es am neuen Standort reichlich: Mit dem Umzug vergrößert sich das Unternehmen von 100 auf 600 Quadratmeter auf zwei Etagen. „Ich wollte gar nicht auf eine so große Fläche“, erzählt Noack. Aber hier habe er die passende Infrastruktur. Neben genügend Parkplätzen in der Nähe gibt es in der Brückstraße auch Haltemöglichkeiten vor dem Geschäft. Kurze Wege sind für viele seiner Kund:innen entscheidend. Außerdem ist ihm das Mosaikviertel ans Herz gewachsen: „Hier gibt es eine Vielfalt an Menschen und viel Kreativität.“ Auch als Einzelhändler:in könne man an der unteren Kortumstraße viel bewegen.
Hier gibt es eine Vielfalt an Menschen und viel Kreativität.
Mit der räumlichen Veränderung erweitert sich auch der Service der Orthopädie Schuhtechnik. So soll am neuen Standort eine podologische Praxis mit einziehen. Mehr möchte Noack an dieser Stelle noch nicht verraten. Die letzten Geheimnisse werden bei der Eröffnung im Sommer gelüftet.
Um die Neugierde zu steigern, gibt es auf dem Instagram-Kanal des Unternehmens regelmäßig Updates von der Baustelle. Ohnehin hat sich Social Media zu einem wichtigen Werkzeug für das Unternehmen entwickelt. Einblicke ins Handwerk und kurze Erklärvideos kommen gut an – sowohl bei potenziellen Kund:innen als auch bei potenziellen Mitarbeitenden. Digitale Akquise wird auch für klassische Branchen immer wichtiger, genau wie der Fortschritt in der Technik. „In den letzten Jahren hat sich in der Technologie sehr viel getan, was den Beruf unfassbar spannend macht“, so Josef Noack. Die Zeiten, in denen Fußabdrücke per Blaudruck auf Papier genommen wurden, sind längst vorbei. Auch Noack arbeitet mit 2D- und 3D-Scannern, um individuelle Sohlen oder Schuhe anzufertigen. Am neuen Standort setzt er sogar als einer der ersten ein brandneues Verfahren ein.
Die Begeisterung für seinen Beruf würde Noack gerne an die nächste Generation weitergeben: „Azubis sind immer willkommen, auch gerne in einer Teilzeitausbildung.“ Auch dual Studierende können sich bei ihm bewerben. „Wissenschaftliches Arbeiten mit dem Handwerk verknüpfen – etwas Besseres gibt es gar nicht.“
Lindemann Optik
Seit fast 20 Jahren am Standort: Optiker Jörg Lindemann gehört zu den Alteingesessenen im Mosaikviertel
Zwischen moderner Messtechnik und persönlicher Beratung geht es bei Lindemann Optik um mehr als nur Brillen. „Ihre Welt des Sehens“ ist für Jörg Lindemann kein Werbespruch, sondern sein Anspruch. „Wenn es um das Auge geht, machen wir keine Kompromisse“, so der Optikermeister. Qualität, ehrliche Beratung und faire Preise, darauf baut sein Geschäft.
Durch seine Ausbildung kam Jörg Lindemann vor knapp 40 Jahren nach Bochum. 2007 wagte er an der Kortumstraße 109 den Schritt in die Selbstständigkeit. Mit Erfolg: Heute arbeiten mit ihm zehn Personen in der Filiale und der hauseigenen Werkstatt. „Gutes Sehen beginnt für uns mit gutem Verstehen“, sagt Lindemann. Deshalb spricht sein Team neben Deutsch auch Englisch, Polnisch, Russisch, Türkisch und Albanisch – ein Spiegel der Vielfalt im Mosaikviertel.
Neben der menschlichen Komponente spielt die Technologie eine zentrale Rolle. Um Brillen millimetergenau und individuell anzupassen, wird im Laden ein 3D-Abbild des Kunden oder der Kundin erstellt. Dieser Avatar ermöglicht auch die virtuelle Anprobe verschiedener Fassungen, entweder direkt im Laden oder später zuhause. Auch Früherkennungstests, die Auffälligkeiten und Risiken wie Glaukome oder diabetische Netzhauterkrankungen erkennen, sind bei Lindemann Optik möglich. „Diese Screenings ersetzten keinen Besuch beim Augenarzt“, betont Lindemann. „Wir helfen unseren Kunden aber gerne, bei einem entsprechenden Ergebnis zeitnah einen Termin in einer Praxis zu bekommen.“ Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Bereich Low Vision, wenn Kund:innen aufgrund stark verminderter Sehstärke vergrößernde Hilfsmittel und Spezialbrillen benötigen.
Und wer den Weg in die Innenstadt nicht mehr bewältigen kann, den sucht das Lindemann-Team zuhause auf. Der Hausbesuch ist aufgrund der älter werdenden Gesellschaft ein gefragter Service, der von Privatpersonen wie auch von Krankenhäusern und Seniorenheimen in Anspruch genommen wird. Zudem ist das Optik-Fachgeschäft außerhalb der Ladenöffnungszeiten 24 Stunden über die Website und den Onlineshop erreichbar.
In fast zwei Jahrzehnten in der Innenstadt hat Jörg Lindemann viel erlebt. Wie bewertet er als „Alteingesessener“ die aktuelle Entwicklung in seinem Viertel? „Die Bochumer Innenstadt hat sich in den letzten 20 Jahren von einer klassischen Einkaufsstraße zu einem vielfältigen Stadtraum entwickelt.“ Besonders schätze er die Vielfalt der unteren Kortumstraße und die Weiterentwicklung des Mosaikviertels durch das Quartiersmanagement und diverse Förderprogramme. Wichtig sei die aktive Gestaltung durch Stadt, Immobilieneigentümer:innen und Händler:innen. Die Zukunft der Innenstadt sieht Jörg Lindemann mit einem stärkeren Fokus auf Erlebnis, Begegnung und Service. „Ich wünsche mir ein Viertel, das nicht nur wirtschaftlich denkt, sondern auch Gemeinschaft schafft.“
Doc-Beckers Coffee
Wer bei Doc-Beckers Coffee auf einen Kaffee vorbeischaut, bekommt mehr als ein Getränk. Zwischen Kuchentheke, Gesprächen am Nebentisch und dem Blick auf die untere Kortumstraße entsteht schnell das Gefühl, dass hier nicht nur Kaffee ausgeschenkt wird. Seit Ende 2005 ist das Café an diesem Standort zuhause. Für Inhaber Andreas Beckers ist er längst mehr als ein Geschäft: eher Treffpunkt, Beobachtungsposten und kleines Labor für das, was Bochum im besten Fall ausmacht.
Der Doktortitel im Namen ist keine Deko, sondern echt. Beckers ist promovierter Volkswirt und hat lange für die Deutsche Rentenversicherung gearbeitet. Wie ein typischer Büromensch wirkt er aber nicht. Eher wie das Gegenteil: Einer, der gerne mit anpackt, selbst nach Ladenschluss den Boden wischt, sich mit Gästen unterhält und nebenbei noch Immobilien verwaltet, coacht und Menschen in Orientierungsphasen begleitet. Stillstand scheint nicht sein Modell zu sein. „Mein Kopf braucht Abwechslung“, sagt er. Genau die spürt man auch im Café.
Das Konzept von Doc-Beckers Coffee hat sich über die Jahre verändert. Anfangs wurde vieles selbst gemacht, heute arbeitet Beckers mit ausgewählten Bäckereien und Konditoreien aus der Region zusammen. Frühstück, Mittagssnack, Kaffee, Kuchen – alles mit dem Anspruch, dass die Menschen hier nicht einfach nur konsumieren, sondern ankommen können. Früher war der Laden von 7 bis 19 Uhr geöffnet, heute hat sich der Takt der Innenstadt verschoben. Homeoffice, veränderte Routinen und die Folgen der Pandemie haben auch hier Spuren hinterlassen. Sechs Mitarbeitende auf der Fläche sind Geschichte, aktuell stemmt ein deutlich kleineres Team den Betrieb.
Noch einschneidender als Corona waren für Beckers allerdings die langen Baumaßnahmen in der Innenstadt. Über Jahre erschwerten Baustellen die Erreichbarkeit des Ladens massiv. Dass das Café trotzdem geblieben ist, hat auch mit der Treue seiner Kundschaft zu tun – und mit einem Selbstverständnis, das Beckers immer wieder betont: Bochum funktioniert dann, wenn man sich gegenseitig trägt.
Mein Kopf braucht Abwechslung.
Genau darin liegt seine eigentliche Botschaft fürs Viertel. Beckers schwärmt nicht von Hochglanzkonzepten, sondern von ehrlichen Netzwerken. Von Ladeninhaber:innen, Hausbesitzer:innen und Institutionen, die sich kennen und im besten Fall nicht gegeneinander arbeiten. Für ihn ist Bochum ein Ort, an dem man sich grüßt, sich hilft und neue Akteur:innen willkommen heißt. Dieses Miteinander, sagt er, sei die eigentliche Stärke der Stadt.
Gleichzeitig spart er nicht mit Kritik. Stadtentwicklung dürfe nicht nur aus großen Plänen bestehen, sondern müsse den Alltag der Menschen mitdenken: Sitzgelegenheiten, Begrünung, kulturelle Impulse, Räume zum Verweilen. Der 58-Jährige wünscht sich mehr Mut, mehr Unterstützung für lokale Initiativen und mehr Stolz auf die eigene Geschichte. Historische Orte, bekannte Anziehungspunkte wie das Starlight Express – all das sei nicht bloß Kulisse, sondern Identität.
Vielleicht ist genau das das Besondere an diesem Ort: Bei Doc-Beckers Coffee wird Bochum nicht schöngeredet. Aber es wird verteidigt. Oder, wie Beckers es sinngemäß formuliert: Eine Stadt muss analog bleiben, Menschen müssen sich begegnen, reden, wiederkommen. Im besten Fall beginnt das bei einer Tasse Kaffee.
Kais Toma ist Quartiersmanager des Mosaikviertels. Für Bochum Marketing setzt er sich für die Entwicklung und Sichtbarkeit des Standortes an. Engagement, das nicht nur bei den ansässigen Unternehmer:innen gut ankommt. Wie Kais Toma das geschafft hat, erzählt er im Interview mit der WiR.
