Hydrauliker:innen werden dringend gesucht

In zahllosen Maschinen steckt Hydraulik. Doch es fehlt an spezialisiertem Personal. Das will eine in Witten gestartete Initiative ändern.
Von Daniel Boss
„Hydrauliker“ oder auch „Fluidtroniker“ – das sind für Axel ­Binner gefragte Berufe mit Zukunft. „Viele erfahrene Leute gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Wir brauchen dringend kompetenten Nachwuchs, damit das wichtige Hydraulik-Know-how nicht für immer verloren geht.“ Das Problem: Es gibt keine entsprechende Ausbildung. Genau das will die ­Hydraulik-Initiative ändern, die der Geschäftsführer der Hydropa GmbH & Cie. KG Witten vor rund einem Jahr ins ­Leben gerufen hat. Zudem hat er einen Förderverein gegründet, um die Arbeit der Initiative zu finanzieren.
Rückenwind bekommt Binner von knapp 90 mittelständischen Branchen-Unternehmen bundesweit. Es sind vor allem Hersteller von hydraulischen Komponenten und Systemen. Zu den besonders aktiven Unterstützern gehört Sandro Bähr, ­Geschäftsführer der B&B Fluidsysteme GmbH in Hattingen und wie sein Kollege Binner von Hause aus Ingenieur. „Selbst an den Hochschulen und Universitäten spielt Hydraulik oft nur eine untergeordnete Rolle“, sagt Bähr. „Die größte Herausforderung sehen wir aber in der dualen Ausbildung.“
Schon heute wird es laut der Initiative zunehmend schwierig, Hydraulik-Profis zu finden, die Systeme konstruieren, warten und reparieren können. Bislang behelfen sich Unternehmen wie Hydropa und B&B mit vorhandenen Ausbildungsberufen. „Unsere angehenden Produktdesigner bilden wir eigentlich zu Hydraulikkonstrukteuren aus. Und die Industriemechaniker kommen als Hydraulikmonteure zum Einsatz“, erzählt Binner. Diese Vorgehensweise bezeichnet er als „suboptimale ­Krücken“, die kleine und mittlere Betrieben viel Zeit und Geld kosten. „Der Anteil der Hydraulik an den bestehenden Ausbildungsinhalten ist extrem gering. Auf der anderen Seite können unsere jungen Leute von dem, was sie heute lernen müssen, später nur noch einen Bruchteil gebrauchen“, so ­Binner.
Die Schlussfolgerung der Hydraulik-Initiative: Am besten wäre es, endlich einen neuen Ausbildungsberuf zu schaffen, der exakt auf die Bedürfnisse zugeschnitten ist. Binner hat sich bereits an das zuständige Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) gewandt. „Doch um den mehrstufigen Prozess in Gang zu setzen, brauchen wir noch mehr Unterstützung. Wir müssen zeigen, wie relevant das Thema ist.“
Der Bedarf ist laut Binner gewaltig: „In nahezu allen ­Maschinen, vom Fahrrad bis zum Flugzeug, werden Kräfte mittels Flüssigkeitsdruck erzeugt bzw. übertragen.“ Ob ­Bagger, ­Hebebühne oder Landmaschine – „sie alle sind auf funktionierende Hydraulik angewiesen.“ Und diese Technik lasse sich auch nicht ersetzen. „Wer sich heute auf Hydraulik spezialisiert, muss sich für die nächsten Jahrzehnte keine Sorgen um seinen Job machen“, ist Binner sicher. Umgekehrt sehen er und Bähr die große Gefahr einer weiteren ­Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft, wenn hierzulande ­eines Tages kaum noch hydraulische Komponenten produziert würden. „Dann bliebe vielleicht nur der Zukauf aus ­Fernost.“ So weit ist es zwar noch nicht, aber die Initiative will bewusst auch mit zugespitzten Thesen auf das Grundproblem aufmerksam ­machen.
„Die Hydraulik ist eine Schlüsseltechnologie für zahlreiche Branchen. Als IHK unterstützen wir Initiativen wie diese, um bedarfsorientiert neue Ausbildungswege zu schaffen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen zu sichern“, sagt Lennart ­Galdiga, bei der IHK Mittleres Ruhrgebiet Referent für ­In­dus­trie.
Doch auch wenn neue Berufsbilder geschaffen würden, ist damit natürlich nicht automatisch Interesse in der jungen Zielgruppe vorhanden. Ein Hauptziel der Initiative ist es daher, das Image der Hydraulik zu verbessern. „Ölig und dreckig“ – das seien typische Vorurteile, meint der Hydropa-Geschäftsführer. Mit der Realität habe das nichts zu tun. „Unsere Designer arbeiten an modernsten Rechnern, und unsere Monteure sind hochspezialisierte Techniker.“ Im Übrigen sei penible Sauberkeit im Hydraulik-Bereich das A und O. „Es handelt sich um vielseitige, kreative und zukunftsfähige Technologie, für die wir verstärkt werben müssen“, so Bähr. Übrigens auch bei Interessentinnen, denn Frauen sind in diesem Bereich noch extrem unterrepräsentiert.
Die Köpfe der Initiative hoffen nun, dass der von ihnen forcierte Zusammenschluss von Branchenvertretern weiter wachsen wird. Unterstützung suchen sie zudem bei Politik und Wirtschaftsverbänden. „Im Idealfall haben wir in einigen ­Jahren einen modernen, praxisnahen Ausbildungsweg mit Schwerpunkt Hydraulik. Das wäre ein wichtiger Beitrag, um den Technologiestandort Deutschland langfristig zu sichern“, sagt Binner.
Was ist Hydraulik?

Mit Hydraulik ist in der Regel eine schon sehr alte Methode gemeint, mittels Flüssigkeiten (meist Hydraulik-Öl) Kräfte zu übertragen bzw. zu verstärken. Der ausgeübte Druck erzeugt mechanische Bewegungen. Klassische Beispiele sind Baggerschaufeln oder Hebebühnen. Bei der ähnlichen Pneumatik kommt statt Flüssigkeiten Druckluft zum Einsatz.