Wirtschaft im Revier
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Radiologen für die Industrie

Auf der Suche nach fast unsichtbaren Fehlern: Die Hattinger diondo GmbH gehört zu den führenden Anbietern von CT-Anlagen. Neben Automotive, Luftfahrt und Forschung spielen neue Wachstumsmärkte eine große Rolle.
Von Daniel Boss
Bei dem Begriff Computertomographie – kurz CT – denken die meisten Menschen sicherlich zunächst an die berühmte „Röhre“ im Krankenhaus oder in spezialisierten Praxen. Patient:innen liegen dabei möglichst ruhig auf einer Liege, während ein röhrenförmiges Gerät Schichtbilder des Körpers erstellt. In der medizinischen Diagnostik ist die CT seit Jahrzehnten ein unverzichtbares Werkzeug: Sie hilft unter anderem dabei, Knochenbrüche und Tumore zu erkennen. Doch was viele nicht wissen: Die gleiche Technologie spielt auch in der Industrie eine wichtige Rolle. Und einer der europaweit führenden Anbieter hat seinen Sitz in Hattingen: die diondo GmbH.
Die geschäftsführenden Gesellschafter Martin Münker und Oliver Rokitta führen also, um im Bild zu bleiben, ein Team von Radiologen für Materialien und Bauteile. Denn das Grundprinzip sei weitgehend identisch, wie Münker erklärt: „Es geht darum, das Unsichtbare sichtbar zu machen.“ Dafür wird ein Mensch bzw. ein Objekt aus sehr vielen verschiedenen Winkeln mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. „Ein Hochleistungsrechner erstellt aus diesen Daten ein dreidimensionales Modell des Inneren.“ Nur: Während die Medizin damit in den menschlichen Körper blickt, nutzen Ingenieur:innen die Methode, um Produkte und Materialien „zerstörungsfrei" zu untersuchen.

Sicherheitskritische Branchen profitieren besonders

In der industriellen Anwendung wird die CT vor allem – aber nicht nur – in der Qualitätskontrolle eingesetzt. Bauteile aus Metall, Kunststoff oder Verbundwerkstoffen können bis ins kleinste Detail analysiert werden, ohne sie demontieren oder aufschneiden zu müssen: Material- oder Herstellungsfehler lassen sich sichtbar machen. Bauteile? Das kann alles sein: mehlfeines Pulver für 3D-Druck, Automotoren, Bohrkerne oder auch Flugzeugflügel.
Besonders in sicherheitskritischen Branchen – etwa in der Luftfahrt oder der Automobilindustrie – ist das ein großer Vorteil. Insbesondere komplexe Geometrien, die mit anderen Messmethoden kaum erfasst werden können, lassen sich so untersuchen und sogar im Inneren exakt vermessen. Die Anlagen der diondo GmbH kommen sowohl in Laboren für einzelne Untersuchungen als auch fertigungsbegleitend oder voll integriert in der Serienproduktion zum Einsatz. Der studierte Physiker Münker nennt einen weiteren Unterschied zur medizinischen Anwendung: „Die Anforderung an die Auflösung ist eine gänzlich andere.“
Während in der ­Medizin vor allem eine schnelle Messung und eine möglichst geringe Strahlenbelastung für die Patient:innen im Vordergrund stehen, geht es in der Industrie häufig um maximale Detailgenauigkeit. Industrielle CT-Anlagen erreichen daher oft deutlich höhere Auflösungen und können Strukturen im Mikrometerbereich sichtbar machen. Möglich wird dies bei Bedarf durch vielfach leistungsstärkere Strahlenquellen. Dementsprechend müssen die Anlagen perfekt abgeschirmt werden, entweder durch Bleiumhausungen oder, im Falle besonders großer oder leistungsstarker Anlagen, sogar mit Strahlenschutzräumen aus Beton.
Beide Varianten sind an den zwei Standorten des Unternehmens – an der Ruhrallee und Am Walzwerk – vorhanden. „Wir agieren an der Spitze der Technologie“, erklärt Münker. Die Kosten für derartige Anlagen starten typischerweise bei etwa einer halben Million Euro, mit zunehmender Leistung und Komplexität gibt es nach oben faktisch keine Grenze. Münker präsentiert eine „eher kleinere“ Anlage in einem Gehäuse, das in etwa die Ausmaße eines begehbaren Kleiderschranks hat.

Erfahrungsschatz liegt in einer eigenen KI-basierten ­Datenbank

Das Ganze erinnert ein wenig an moderne ­CNC-Maschinen, nur dass im Inneren nicht gefräst, gebohrt, oder geschnitten, sondern durchleuchtet wird. Die tonnenschweren Bleieinlagen verschwinden zwischen den Stahlplatten des ­Gehäuses. Eine anthrazitfarbene Verkleidung mit der ­Anmutung ­edler Küchenfronten dominiert das Äußere. „Unsere Kunden sind stolz auf die Anlagen, wollen sie vorzeigen“ so Münker. „Da kommt auch dem Design eine gewisse Bedeutung zu.“
„Wir agieren an der Spitze der Technologie.“
Martin Münker, geschäftsführender Gesellschafter der diondo GmbH
Die Hattinger beziehen die Komponenten ihrer Anlagen weltweit von verschiedenen Partnern und integrieren alles zu einer Komplettlösung. „Das hört sich einfach an, ist aber ein hochkomplexer Prozess, der viel Erfahrung und Know-how erfordert“, sagt Münker. Um diesen Erfahrungsschatz langfristig zu sichern und vor allem im Zugriff zu halten, arbeitet die diondo aktuell an einer eigenen, lokalen KI-­basierten Wissensdatenbank.
Geliefert wird auf Wunsch schlüsselfertig, also inklusive Strahlenschutz, Software-Integration etc. Dabei setzt man bei der diondo GmbH – die auf dem Weltmarkt im Wettbewerb mit Konzernen wie Zeiss und Nikon steht – auch auf „individuelle, passgenaue Anlagen“, wie Geschäftsführer Rokitta betont. „Im Vordergrund steht bei uns zunächst das genaue Verstehen der eigentlichen Fragestellungen der Kunden. Die langjährigen eigenen Anwendungserfahrungen sind dabei enorm hilfreich. Lösungen von der Stange gibt es bei uns nicht.“
Auch nach der Lieferung – und der intensiven Schulung der Anwender:innen vor Ort – bleibt man in der Regel im engen Austausch mit den Kunden, deren Feedback ein wesentlicher Impuls für die technologische Weiterentwicklung der diondo ist. „Wir nutzen einen umfangreichen, sich stetig erweiternden Baukasten von Komponenten und Funktionen. Vielleicht grenzt uns genau das von den meisten unserer Wettbewerber ab“, fasst Münker die Unternehmensphilosophie zusammen. Er könne sich nicht vorstellen, jeden Tag immer das Gleiche zu bauen. „Das Neue, das Herausfordernde ist es, was unser gesamtes Team motiviert und zu innovativen Leistungen anspornt.“

Unternehmen setzt mehr als zehn Millionen Euro um

Es dürfte in Deutschland kaum jemanden geben, der ­länger im Industrie-CT-Bereich aktiv ist als der Gevelsberger mit osthessischen Wurzeln. Schon in seiner Diplomarbeit ­befasste er sich mit der Röntgenprüfung von Betonblöcken im Brückenbau. Am Aufbau der Hattinger Prüf- und Entwicklungs-GmbH, die in den 1990er-Jahren mit öffentlichen Fördermitteln in Hattingen gegründet wurde, war er maßgeblich beteiligt und darf somit als ein Vorreiter der industriellen Computertomographie angesehen werden. Als er 2013 dann die diondo GmbH aus der Taufe hob, folgten die knapp 20 ­Mitarbeiter aus dem Vorgängerunternehmen. „­Inzwischen sind wir 60 hochqualifizierte Kollegen“, sagt er. Das Unternehmen wächst organisch und setzte zuletzt mehr als zehn Millionen Euro um. Etwa zehn Prozent des Umsatzes werden durch Dienstleistungen generiert: diondo untersucht in Hattingen Produkte und Materialien im Kundenauftrag.

Wachstumsmärkte sind Defense und Energie

Vieles sei derzeit im Wandel, so Münker. Zwar kommen immer noch zahlreiche Aufträge aus dem Automotive-­Bereich – darunter auch die Prüfung von Batteriezellen. ­Daneben aber seien Wachstumsmärkte wie Defense und Energie entstanden. „Ein großes Thema ist beispielsweise die Prüfung von Schaufeln für Gasturbinen“, erklärt Münker. Und auch geographisch gibt es Veränderungen. Lange Zeit verteilte sich der Umsatz zu jeweils einem Drittel auf ­Ostasien, Deutschland sowie Europa. „Im Moment stellen wir eine deutliche Verschiebung in Richtung Nordamerika fest“, sagt Münker. „Eine zur Unternehmensgruppe gehörende Niederlassung in Atlanta unterstützt uns bei Vertrieb und Service, das wäre in der nötigen Intensität von Deutschland aus nicht zu leisten.“
Für die Zukunft sieht man sich bei diondo gut aufgestellt, nicht zuletzt durch den Einstieg des einstigen Mitbewerbers VisiConsult aus Schleswig-Holstein als zusätzlicher Gesellschafter. „Wir haben uns die Aufgaben perfekt aufgeteilt“, sagt Münker. Noch bis Anfang kommenden Jahres bleibt der 63-Jährige dem Unternehmen erhalten, dann übergibt er das Steuer komplett an den zehn Jahre jüngeren ­Rokitta. Der Kollege aus Ennepetal ist ebenfalls Physiker und seit über 25 Jahren Wegbegleiter. Im Ruhestand will Münker ­„einiges von dem Glück, das ich im Leben hatte, ­zurückgeben“. Konkret plant er den Bau einer Schule im westafrikanischen Mali. „Ich hatte im Zuge der Namensfindung recherchiert, dass es dort ein kleines Dorf namens Diondo gibt. Das passt doch perfekt.“