Nachhaltigkeit

Die Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) steht an einem Wendepunkt, an dem Nachhaltigkeit nicht nur eine ethische Verpflichtung, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit und zunehmend eine rechtliche Anforderung darstellt. Basierend auf dem aktuellen Themendossier „Nachhaltigkeit in der Kultur- und Kreativwirtschaft" und dem Monitoringbericht 2024 zeigt sich, dass die Branche sowohl Vorreiter als auch Adressat nachhaltiger Transformation ist.

Die KKW als Motor für nachhaltige Transformation

Mit einem Umsatz von 204,6 Milliarden Euro und rund 2 Millionen Erwerbstätigen zählt die Kultur- und Kreativwirtschaft zu den bedeutenden Wirtschaftsbranchen Deutschlands. Gleichzeitig ist sie ein wichtiger Impulsgeber für die nachhaltige Transformation: Kreative entwickeln ressourcenschonende Produkte, kreislauffähige Designs, nachhaltige Architektur sowie neue Kommunikations- und Geschäftsmodelle. Dank ihrer Innovationskraft und Gestaltungsfähigkeit macht die Branche nachhaltige Lösungen sichtbar, verständlich und marktfähig.

Die vier Dimensionen der Nachhaltigkeit in der KKW

Ökonomische Nachhaltigkeit

Ökonomische Nachhaltigkeit bedeutet, wirtschaftlichen Erfolg langfristig zu sichern. Für die Kultur- und Kreativwirtschaft gehören dazu zukunftsfähige Geschäftsmodelle, faire Arbeitsbedingungen und eine nachhaltige Unternehmensentwicklung. Gleichzeitig wird Nachhaltigkeit zunehmend zum Wettbewerbsfaktor – etwa bei öffentlichen Ausschreibungen, Förderprogrammen oder den Erwartungen von Kunden und Geschäftspartnern.

Ökologische Nachhaltigkeit

Ökologische Nachhaltigkeit bedeutet, Ressourcen verantwortungsvoll einzusetzen und den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. In der Kultur- und Kreativwirtschaft reicht dies von kreislauffähigem Design und nachhaltigen Materialien über ressourcenschonende Veranstaltungen bis hin zu energieeffizienten digitalen Anwendungen. Solche Ansätze leisten einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz und gewinnen auch bei Förderprogrammen sowie öffentlichen Vergaben zunehmend an Bedeutung.

Soziale Nachhaltigkeit

Soziale Nachhaltigkeit stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Für die Kultur- und Kreativwirtschaft bedeutet dies faire Arbeitsbedingungen, Diversität, Inklusion und Barrierefreiheit – sowohl innerhalb des Unternehmens als auch bei der Gestaltung von Produkten, Veranstaltungen und Dienstleistungen. So entstehen Angebote, die unterschiedliche Zielgruppen erreichen, gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und den sozialen Zusammenhalt stärken.

Kulturelle Nachhaltigkeit

Die kulturelle Dimension der Nachhaltigkeit ist für die KKW von besonderer Relevanz, da sie unmittelbar mit der Identität und dem Kernauftrag dieser Branche verbunden ist. Die Bewahrung und Förderung kultureller Vielfalt ermöglicht es der KKW, neue Narrative zu entwickeln und historische Perspektiven zu bewahren, die essenziell für das Verständnis und die Entwicklung von Gesellschaften sind.

Partner und Struktur des Aktionsnetzwerks

Zu dem Netzwerk zählen wichtige Akteure wie die Kulturpolitische Gesellschaft, der Deutsche Kulturrat, das Humboldt Forum, die Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH, der Deutsche Bühnenverein, die Energieagentur.NRW, die IHK Köln sowie die im Bereich Nachhaltigkeit und Kultur tätige Organisation Julie's Bicycle aus Großbritannien. Das Aktionsnetzwerk versteht sich als neutraler intermediärer Akteur zwischen Politik, Verwaltung und handelnden Unternehmungen.

Ziele und Aktivitäten

Das ANKM zielt darauf ab, Pioniere mit interessierten Akteuren zu vernetzen, bereits erfolgte Erfahrungen aufzubereiten und zugänglich zu machen sowie zukünftige Kooperationen und Pilotprojekte zu initiieren und zu begleiten. Die Kulturstaatsministerin fördert das Netzwerk in den ersten drei Jahren mit insgesamt bis zu 300.000 Euro. Als horizontale Schnittstelle zu relevanten Prozessen in Wissenschaft, Forschung, Umwelttechnik, Wirtschaftsförderung und der digitalen Start-up-Welt soll das ANKM perspektivisch erweitert werden.

Gesetzliche Auflagen und Verpflichtungen

Europäische Vorgaben prägen die Nachhaltigkeitsanforderungen zunehmend. Sie gelten entweder unmittelbar oder werden durch nationale Gesetze umgesetzt. Für Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft sind insbesondere folgende Themen relevant:

Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD und VSME)

Die Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung entwickeln sich weiter. Auch wenn viele Kreativunternehmen nicht unmittelbar berichtspflichtig sind, gewinnen Nachhaltigkeitsinformationen entlang der Lieferkette an Bedeutung. Der freiwillige VSME-Standard bietet kleinen und mittleren Unternehmen hierfür einen praxisnahen Einstieg.

Ökodesign und Kreislaufwirtschaft (ESPR und PPWR)

Die neue Ökodesign-Verordnung (ESPR) und die Verpackungsverordnung (PPWR) fördern langlebige, reparierbare und kreislauffähige Produkte sowie nachhaltige Verpackungen. Für Design, Architektur und produktnahe Kreativleistungen entstehen dadurch neue Anforderungen – aber auch neue Gestaltungsspielräume.

Digitaler Produktpass (DPP)

Mit dem Digitalen Produktpass führt die EU schrittweise ein digitales Informationssystem für ausgewählte Produktgruppen ein. Es dokumentiert unter anderem Materialien, Reparierbarkeit und Umweltinformationen und unterstützt damit die Kreislaufwirtschaft sowie transparente Lieferketten.

Barrierefreiheit (European Accessibility Act / BFSG)

Mit dem European Accessibility Act (EAA) hat die Europäische Union einheitliche Anforderungen an die Barrierefreiheit bestimmter Produkte und Dienstleistungen geschaffen. In Deutschland werden diese Vorgaben durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) umgesetzt. Insbesondere Unternehmen aus den Bereichen Design, Medien, Kommunikation und Software sollten Barrierefreiheit frühzeitig in ihre Produkte und digitalen Angebote integrieren.

Teilmarktspezifische Nachhaltigkeitsansätze

Die Kultur- und Kreativwirtschaft umfasst elf definierte Teilmärkte, die jeweils spezifische Nachhaltigkeitsherausforderungen und -potenziale aufweisen.

Filmwirtschaft

Green Filming etabliert sich zunehmend als Standard. Nachhaltige Produktionsprozesse, energieeffiziente Technik sowie die Wiederverwendung von Kulissen und Requisiten helfen, den Ressourcenverbrauch zu senken.

Rundfunkwirtschaft

Energieeffiziente Studiotechnik, nachhaltige Medienproduktionen und ressourcenschonende Produktionsabläufe gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig können Medien durch ihre Inhalte nachhaltiges Handeln sichtbar machen und gesellschaftliche Veränderungen begleiten.

Darstellende Künste

Nachhaltige Bühnenbilder, wiederverwendbare Materialien und klimafreundliche Gastspielkonzepte reduzieren den Ressourcenverbrauch. Gleichzeitig bieten Theater und Bühnen Raum, Nachhaltigkeit künstlerisch zu vermitteln und gesellschaftliche Debatten anzustoßen.

Designwirtschaft

Circular Design, Reparierbarkeit und Materialeffizienz werden bereits im Entwurfsprozess mitgedacht. Nachhaltiges Design schafft langlebige Produkte und unterstützt Unternehmen auf dem Weg in die Kreislaufwirtschaft.

Architekturmarkt

Kreislaufgerechtes Bauen, nachhaltige Baustoffe und rückbaufähige Konstruktionen prägen die Architektur von morgen. Bereits in der Planung lassen sich Ressourcenverbrauch, Emissionen und Lebenszykluskosten entscheidend beeinflussen.

Pressemarkt

Ressourcenschonende Medienproduktion, digitale Angebote und nachhaltige Lieferketten gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig trägt Qualitätsjournalismus dazu bei, komplexe Nachhaltigkeitsthemen verständlich einzuordnen.

Werbemarkt

Nachhaltigkeitskommunikation entwickelt sich zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor. Gleichzeitig können ressourcenschonende Kampagnen, digitale Werbeformate und transparente Umweltkommunikation die Glaubwürdigkeit von Unternehmen stärken.

Software- und Games-Industrie

Green IT, energieeffiziente Softwareentwicklung und nachhaltige Rechenzentrumsnutzung helfen, den Energieverbrauch digitaler Anwendungen zu reduzieren. Digitale Lösungen können zudem nachhaltige Innovationen in zahlreichen Branchen unterstützen.

Wirtschaftliche Vorteile nachhaltiger Transformation

Kosteneinsparungen und neue Geschäftsmöglichkeiten

Kreislaufwirtschaft lohnt sich zunehmend wirtschaftlich, sei es bei der nachhaltigeren Gestaltung von Prozessen, bei Einsparungen von Materialien oder im zirkulären Design. Durch den Einsatz recycelter Materialien können neue Produkte geschaffen und gleichzeitig Kosten gespart werden. Die Einführung nachhaltiger Praktiken kann Kosteneinsparungen mit sich bringen, etwa durch eine effizientere Nutzung von Ressourcen und Abfallreduzierung.

Erschließung neuer Zielgruppen

Die Nachfrage nach nachhaltigen und wiederverwertbaren Produkten, die im Sinne des Konzepts der Kreislaufwirtschaft hergestellt wurden, steigt. Die Auseinandersetzung mit der eigenen ökologischen Verantwortung kann die Attraktivität für umweltbewusste Konsumenten steigern. Unternehmen, die auf zirkuläre Wirtschaftsweisen umstellen, gewinnen an Attraktivität bei Arbeitnehmern.

Herausforderungen und Lösungsansätze

Strukturelle Herausforderungen

Aufgrund der oft prekären finanziellen Lage von Einzelakteuren können Investitionen in nachhaltige Produktionsprozesse und umweltfreundliche Technologien schwierig sein. Außerdem fehlt es oft an langfristigen wirtschaftlichen Perspektiven, da viele Projekte von Trendzyklen und kurzfristigem Nutzungsverhalten abhängen.

Strategische Lösungsansätze

Nachhaltigkeit in der KKW erfordert eine strategische Planung, um weniger anfällig für wirtschaftliche Schwankungen zu sein. Es gilt, die eigenen Prozesse und Produkte zu hinterfragen, um Schwachstellen zu identifizieren und Maßnahmen zur Verbesserung ergreifen zu können. Wenige Maßnahmen, die gründlich und behutsam umgesetzt werden, sind meist effektiver als viele zur gleichen Zeit.

Fazit

Die Kultur- und Kreativwirtschaft befindet sich in einem Transformationsprozess, der durch gesetzliche Vorgaben, wirtschaftliche Anreize und gesellschaftliche Erwartungen vorangetrieben wird. Während die direkten gesetzlichen Verpflichtungen aufgrund der kleinteiligen Struktur der Branche nur einen Bruchteil der Unternehmen betreffen, entstehen indirekte Verpflichtungen durch Lieferkettenbeziehungen und Förderkriterien.
Die IHKn erkennen die wertschöpfende Kraft der Kreativwirtschaft und machen sich stark für deren Interessen: Als Teil des DIHK-Verbundes kämpfen sie gegen unverhältnismäßige Regulierungslasten und bürokratische Berichtspflichten, die gerade für die kleinteilige Branche problematisch sind. Ihre Forderungen nach praktikablen Vereinfachungen und One-Stop-Shop-Lösungen zeigen: Nachhaltigkeit ja, aber nicht um jeden bürokratischen Preis.
Die Branche kann ihre Innovationskraft nutzen, um nicht nur selbst nachhaltiger zu werden, sondern auch als Katalysator für die gesellschaftliche Transformation zu fungieren. Der Erfolg wird davon abhängen, wie gut es gelingt, nachhaltige Praktiken strategisch in die Geschäftsmodelle zu integrieren, ohne die Unternehmen mit überzogenen Verwaltungsanforderungen zu ersticken – ein Ziel, für das die IHKs als starke Interessenvertreter eintreten.
Das Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit in Kultur und Medien
Das Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit in Kultur und Medien (ANKM) stellt eine zentrale, spartenübergreifende Anlaufstelle für das Thema Betriebsökologie im Bereich Kultur und Medien dar. Das 2020 gegründete Netzwerk wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) gefördert und initiiert Pilotprojekte, die es begleitet, evaluiert und kommuniziert.