70 Jahre Konjunkturbericht

Am Puls der Wirtschaft

In der Serie Zeitsprung lassen wir in jeder Ausgabe von Magazin Wirtschaft regionale Persönlichkeiten zu Wort kommen, die eine spannende Geschichte aus der Wirtschaft erzählt. Hier berichtet Dr. Britta Leise, Direktorin Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, über die Geschichte des Konjunkturberichts.
Kurve auf vergilbten Papier
So sah der Konjunkturgericht 1947 aus © Wirtschaftsarchiv
Dreimal im Jahr kommt der Hauptgeschäftsführer des DIHK in die deutschen Wohnzimmer. Dann berichtet er in der Tagesschau über die Stimmung in der deutschen Wirtschaft. Grundlage seiner Analyse ist die Befragung von Zehntausenden von IHK-Mitgliedern im ganzen Land.
Was wenige wissen: Die Idee, Unternehmen systematisch nach ihrer wirtschaftlichen Lage und ihren Erwartungen für die kommenden zwölf Monate zu befragen,  stammt aus Stuttgart.  Zu verdanken ist sie einem Mann: Klaus Holtermann. Der Schüler von Ernst ­Wagemann, dem Begründer der empirischen Konjunkturforschung in Deutschland, wurde 1947 aus dem Ruhrgebiet in den Südwesten geholt, damit er hier die Konjunkturberichterstattung wieder aufbaut. Zunächst hatte er sein statistisches Büro bei der IHK in Reutlingen. 1952 zog er mit allen Akten in  die Stuttgarter Jägerstraße, denn dem damaligen Haupt­geschäftsführer Günther Steuer lag das Thema am Herzen.

Eine Herkulesaufgabe

Holtermanns Anspruch war es,  die Berichterstattung im Südwesten auf eine einheitliche Grundlage zu stellen. Das war eine Herkulesaufgabe. Davon zeugen noch die vielen dicken Akten, die wir hier im Wirtschaftsarchiv verwahren.
Problematisch war schon die Struktur: in der US-Besatzungszone galten andere Regeln als in der französischen. Außerdem fanden die Kammern erst allmählich wieder ins Tagesgeschäft und sie waren zudem noch sehr kleinteilig aufgestellt.
Erst 1952, im Jahr der  Gründung des Landes Baden-Württemberg, erschien der erste Bericht. Allerdings war dieser längst noch nicht repräsentativ, da die einzelnen Kammern in ganz unterschiedlichem Maße oder zum Teil auch gar nicht daran teilnahmen. Deshalb ist eigentlich die Nummer 7 von 1954  der erste echte Konjunkturbericht für Baden-Württemberg.

Das Ziel: eine systematische Befragung für das gesamte Bundesgebiet

Holtermann sah sich aber auch dann noch nicht am Ziel. Er wollte eine systematische Befragung für das gesamte Bundesgebiet. Mit Günther Steuer als „Backup“ bearbeitete er die IHK-Kollegen und den DIHK, der damals noch DIHT hieß. Das ist ihm schließlich gelungen. Seit den 1960ern gibt es den erwähnten bundesweiten Konjunkturbericht.
Heute läuft das natürlich alles digital. Aufwändig ist das sicher immer noch, aber wenn wir hier die alten Akten anschauen, erscheint mir der Aufwand früher doch noch viel größer gewesen zu sein.
Screenshot des aktuellen Konjunkturberichts
Viele Antwortbögen sind noch mit der Hand ausgefüllt und Excel  oder andere Statistikprogramme gab es natürlich noch nicht.  So wertete Holtmann alle ­Bögen händisch aus. Er analysierte die Ergebnisse und schrieb dann den Bericht. Kein Wunder, dass er mit der nächsten Ausgabe anfangen musste, sobald die ­vorige in Druck gegangen war.
Wenn wir dieses Jahr 70 Jahre Konjunkturbericht feiern, ist das übrigens nicht ganz korrekt, denn solche Berichte gab es schon seit Gründung der IHKs Mitte des 19. Jahrhunderts. Genau genommen waren sie sogar der Grund, warum die Kammern gegründet wurden: Die Regierung wollte regelmäßig übe die wirtschaftliche Lage informiert werden um auf dieser Grundlage entscheidungen treffen zu können. informiert werden, wie die wirtschaftliche Lage im Königreich war. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die Befragung ohne Telefon und PC war mühsam

Anfangs nahmen nur wenige Unternehmen an der Befragung teil. Das war schließlich ein mühsames Geschäft ohne Telefon oder PC, und die Kammern wurden noch ehrenamtlich von wenigen Männern geführt, die dann wohl meist Kollegen aus ihrem Bekanntenkreis befragten.
Nach und nach wurden die Befragungen systematisiert. Die jeweils vierseitigen Fragebögen aus Stuttgart sind leider im Krieg verbrannt, aber die aus Heilbronn haben wir hier. Schon eindrucksvoll zu sehen, wie die Unternehmer die Fragen beantwortet haben. Die waren übrigens kaum anders als heute: Es ging und geht um Umsätze, Beschäftigte, Investitionen, Außenhandel und Geschäftsrisiken.
Wie lange es den Konjunkturbericht in dieser Form noch geben wird? Das kann eine Historikerin natürlich nicht sagen. Bleibt abzuwarten, ob künstliche Intelligenz irgendwann einmal diese Aufgabe übernimmt. Aber auch dann gilt weiterhin, dass ohne die konkreten Zahlen aus den IHK-Mitgliedsunternehmen keine seriöse Analyse möglich ist.
Schön zu wissen, dass die IHK in Stuttgart so eine entscheidende Rolle bei der Etablierung des Konjunkturberichts gespielt hat.
Aufgezeichnet von Dr. Annja Maga für die Rubrik „Zeitsprung”