Beschäftigungseffekte der Digitalisierung in Berlin

Genug Jobs für Alle (…auch in Zukunft)

Um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, gehört es auch die Herausforderungen zu meistern.  Vielfach steht die Vermutung im Raum, dass durch die zunehmend digital getriebene Automatisierung vermehrt Arbeitsplätze auch in Berlin verloren gehen. Die politische Diskussion dazu wird jedoch fast ausschließlich bar jeder Fakten geführt. Vor diesem Hintergrund hat die IHK Berlin gemeinsam mit dem Darmstädter WifOR Institut eine – in Deutschlandweit bisher einzigartige – empirische Studie zu den Beschäftigungseffekten der Digitalisierung durchgeführt. Ergänzt werden die folgenden Studienerkenntnisse durch Ergebnisse einer parallel durchgeführten Unternehmensumfrage zur Digitalisierung der Arbeitswelt in den Berliner Betrieben.
"Die wirklich gute Nachricht ist: Die Digitalisierung ist mitnichten der oft beschworene Jobkiller. Vielmehr schafft Digitalisierung neue Arbeitsplätze, aber es werden andere Arbeitsplätze sein. Wir müssen uns also dringend daran machen, die passenden bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen zu schaffen. Qualifizierung ist und bleibt der Schlüssel, damit die positive Prognose auch Realität wird." Beatrice Kramm, Präsidentin der IHK Berlin

Die Digitalisierung der Arbeitswelt

Die Digitalisierung beeinflusst die Berliner Unternehmen schon heute tiefgreifend. Es entstehen nicht nur völlig neue Geschäftsmodelle, auch Produktionsprozesse und die Kommunikation mit dem Kunden haben sich in wenigen Jahren grundlegend geändert. Die Digitalisierung findet dabei jedoch in unterschiedlichen Geschwindigkeiten statt. Je nach Branche sind dabei verschiedene Aspekte der Digitalisierung von Bedeutung.
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Während über die Hälfte der Berliner Betriebe heute schon neue digitale Geschäftsmodelle etabliert, gilt dies weniger für Unternehmen aus dem Baugewerbe oder dem Gesundheitswesen. Von effizienteren Prozessen profitieren heute vor allem schon die Branchen Touristik und die Finanz- und Versicherungsdienstleistungen.
Die Nutzung von Digitalisierungsvorteilen im Unternehmen hat direkten Einfluss auf Veränderungen in der Arbeitswelt. Gleichzeitig können neue Formen der Arbeitsorganisation überhaupt erst neue digitale Geschäftsmodelle ermöglichen.
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Die große Mehrheit der Berliner Unternehmen profitiert heute längst von den Vorteilen der elektronischen Kommunikation. Währenddessen ist die Arbeit mit großen Datenmengen (Big Data) für die Mehrheit der Betriebe noch ein Zukunftsthema. Von der Arbeit mit computergesteuerten Maschinen und Robotern sind die wenigsten Unternehmen betroffen. Neue kommunikations- und wissensbasierte Arbeitsprozesse sind vor allem in den Dienstleistungssektoren bereits etabliert. 

Beschäftigungseffekte der Digitalisierung in Berlin

Das Spannungsfeld aus neuen Geschäftsmodellen, der Bindung des Arbeitsplatzes an neue Technologien und den neuen digitalen Möglichkeiten der informationsbasierten Arbeitsorganisation hat direkte Auswirkung auf die Fachkräftenachfrage der Berliner Unternehmen. Wo neue Geschäftsmodelle entstehen können ganze Arbeitsplätze verschwinden und neue entstehen. Wo neue Technologien eingesetzt werden ändern sich die Anforderungen an die Kompetenzen der Bestandsbelegschaften. Diese Effekte zusammengenommen, hat das Darmstädter WifOR Institut genutzt, um die isolierte Wirkung der Digitalisierung auf die Beschäftigungsentwicklung in Berlin zu prognostizieren.
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Der isolierte Effekt der Digitalisierung auf die Beschäftigungsentwicklung in Berlin ist negativ. Mit Blick auf alle Berufe führt die Digitalisierung schon heute zu einer Verminderung der Beschäftigungsmöglichkeiten (-26.000 Beschäftigte). Der Effekt verdoppelt sich nahezu im Prognosezeitraum bis 2030. In Bezug auf die gesamte Beschäftigung ist der Effekt jedoch weniger stark als vermutet. Sind heute 1,6% aller Beschäftigungsverhältnisse betroffen, werden im Jahr 2030 3,6% weniger Beschäftigte durch Digitalisierungseffekte benötigt.
Vor allem im Einzelhandel und dem Gastgewerbe werden sinkende Beschäftigungsmöglichkeiten durch die Digitalisierung prognostiziert. Positive Beschäftigungseffekte werden im Gesundheitswesen und dem Information- und Kommunikationssektor vorhergesagt.
Der Beschäftigungseffekt stellt sich nicht nur in den Branchen unterschiedlich dar sondern auch mit Blick auf die Qualifikationen.
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Hauptsächlich betroffen von negativen Beschäftigungseffekten sind niedrigqualifizierte Helfertätigkeiten. Bis zu 15% aller Beschäftigungsmöglichkeiten können hier wegfallen. Für ausgebildete Fachkräfte (Beruflich Qualifizierte und Akademiker) beträgt der Effekt maximal -1,1% bis zum Jahr 2030. Auch hier ist der Einzelhandel am stärksten betroffen. In der Berliner Industrie werden vor allem Helfertätigkeiten automatisiert, qualifizierte Fachkräfte sind weit weniger betroffen.

Digitalisierung und Fachkräftemangel

Die Digitalisierung ist jedoch nur ein gesamtwirtschaftlicher Trend, der Auswirkung auf die Beschäftigungsentwicklung in der Stadt hat. Die Globalisierung ist weiterhin ein bestimmender und treibender Wirtschaftsfaktor. Außerdem wächst die Berliner Bevölkerung in den letzten Jahren im Rekordtempo, wird jedoch trotzdem älter. Der demografische Wandel wird durch die Digitalisierung nicht verhindert. Der IHK-Fachkräftemonitor berücksichtigt alle diese Effekte bei der Prognose von Fachkräfteengpässen in Berlin. Trotz Digitalisierung bleibt die Fachkräftelücke bestehen
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Die Digitalisierung führt zu einer Abmilderung des Fachkräfteengpasses in Berlin. Es gibt auch in der langen Frist mehr Beschäftigungsmöglichkeiten als Arbeitnehmer. In einigen Branchen dämpft die Digitalisierung erfolgreich Fachkräftelücken (Dienstleistungen, Gastgewerbe und Industrie). In anderen Branchen verschärft sich der Fachkräftemangel durch Digitalisierung sogar (Gesundheitswesen und Information- und Kommunikation). Vor großen Herausforderungen steht der Einzelhandel: Hier führt die Digitalisierung zu einer merklichen Verschärfung auf dem Arbeitsmarkt. Der bereits bestehende Fachkräfteüberschuss wird durch die Digitalisierung noch verstärkt.

Digitale Kompetenzen

Trotz insgesamt positiver Beschäftigungsperspektive führt die Digitalisierung zu großen Bewegungen auf dem Arbeitsmarkt. Auch in der Aus- und Weiterbildung müssen die Weichen neu gestellt werden. Ausgangspunkt für das Gelingen der notwendigen Fachkräfteentwicklung ist die Feststellung der heute benötigten Kompetenzen. Für 86% der Berliner Betriebe werden digitale Kompetenzen immer wichtiger. Ab vor allem in stark betroffenen Branchen (Industrie und Handel) wird auch die wachsende Bedeutung fachlicher Kompetenzen betont.
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Mit Blick auf die Bedeutung konkreter digitaler Kompetenzen werden Branchenunterschiede weiter deutlich. Insbesondere die informations- und wissensbasierten Dienstleistungsbranchen legen hohen Wert auf spezifische digitale Kompetenzen. In Branchen, in den die Digitalisierung disruptiv auf Geschäftsmodelle (Handel) und Produktionsprozesse (Industrie) wirkt, wird die Bedeutung fachlicher Kompetenzen tendenziell höher gewichtet.
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Genug Jobs für Alle: Was dafür getan werden muss

Die positive Botschaft verstehen und weitertragen:
  • Die Digitalisierung ist in Berlin kein Jobkiller: Die Arbeit wird auch in Zukunft nicht weniger,
  • ...denn der negative Beschäftigungseffekt der Digitalisierung wird in in Berlin durch langfristige Megatrends wie Globalisierung und den demografischen Wandel überkompensiert.
  • Eine herausragende Wirkung hat die Digitalisierung vor allem auf die Organisation und die Inhalte der Arbeit.
  • Eine gute fachliche Ausbildung (dual oder akademisch) ­ist auch in Zukunft die Grundvoraussetzung für eine positive Jobperspektive.
Die besten Rahmenbedingungen für den digitalen Wandel der Arbeitswelt schaffen:
  • In allgemeinbildenden Schulen müssen grundlegende digitale Kompetenzen vermittelt werden: Das muss nicht zwingend durch neue fachliche Inhalte sondern insbesondere durch gut ausgebaute digitale Lernumgebungen geschehen.
  • Die Duale Ausbildung muss zukunftsfest werden durch die Entwicklung von berufsspezifischen und –übergreifenden Zusatzqualifikationen und die Weiterentwicklung bestehender Berufsbilder.
  • Die Weiterbildung im Betrieb muss vorausschauend und individuell an den tatsächlichen Bedarfen digitaler und/oder fachlicher Kompetenzen ausgerichtet werden.
  • Die Arbeitsagenturen, Jobcenter und insbesondere der Arbeitgeberservice der Agenturen müssen die neuen Kompetenzanforderungen der Wirtschaft in ihr Vermittlungs- und Maßnahmenportfolio integrieren.

Hintergrundinformationen zur Studie und Umfrage

Die Beschäftigungsstudie zu den Effekten der Digitalisierung wurde vom Darmstädter WifOR Institut auf Basis der Ergebnisse des IHK-Fachkräftemonitors durchgeführt. Ausgehend von Erkenntnissen bestehender Studien zum Automatisierungspotenzial von beruflichen Tätigkeitsprofilen wurde der Effekt der Digitalisierung auf die Fachkräftenachfrage im Fachkräftemonitor isoliert. Der Effekt wurde in drei Geschwindigkeits-Szenarien (schnell, mittel, langsam) des Durchdringungsgrades der Digitalisierung berechnet. Die Studie ermöglicht ebenfalls Aussagen zur Wirkung der Digitalisierung auf spezifische Berufe. Die berufsspezifischen Ergebnisse sind bereits Grundlage von Gesprächen mit Akteuren aus Wissenschaft, Verwaltung und Politik und werden zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.
Die Unternehmensumfrage zur Digitalisierung der Arbeitswelt wurde im Sommer 2017 durchgeführt. Knapp 800 Berliner Betriebe aus allen Branchen haben sich beteiligt. Neben den oben dargestellten Ergebnissen zur Bedeutung der Digitalisierung der Arbeitswelt und den (digitalen) Kompetenzen wurden hier weitere Fragen zu Chancen und Herausforderungen der digitalen Arbeitswelt gestellt. Auch diese Ergebnisse sind bereits Grundlage von Gesprächen mit Akteuren aus Wissenschaft, Verwaltung und Politik und werden zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.