IHK Berlin

Flexibilität ist alles: Top-Job mit Kind und Kegel

Unternehmen achten heute aus guten Gründen darauf, ihren Mitarbeitern passende Optionen für unterschiedliche Lebensphasen einzuräumen. Eine moderne Arbeitsorganisation bringt für alle die besten Ergebnisse.
Als Patricia Rezic vor rund neun Jahren ihre Arbeit bei der Pixelpark AG verlor, hatte die betriebsbedingt gekündigte Abteilungsleiterin neben dem Jobverlust noch ein weiteres Problem: Ihr damals fünfjähriger Sohn sollte nach den Sommerferien eingeschult werden. „Ich hatte eine Betreuungslücke von fünf Wochen“, sagt Patricia Rezic heute, „also schaute ich nach einem neuen Job, den ich erst später antreten konnte, um mein Kind auch noch beim Übergang in die Schule begleiten zu können.“ Doch beim Softwareentwickler Projektron, wo sie seitdem für Controlling und Personal zuständig ist, konnte die Wirtschaftsmathematikerin im Frühjahr 2009 sofort anfangen. Denn: „Bei Projektron ging man damals ganz konkret auf meine Lebenssituation ein – es wurde geguckt, was für mich getan werden konnte, damit ich den Beruf mit meinem Leben vereinbaren kann.“
Die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Leben hat heute für viele Unternehmen und Betriebe höchste Priorität, um qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden und halten zu können. Damit noch mehr Firmen für eine familienbewusste Arbeitswelt gewonnen werden, hat das Bundesfamilienministerium gemeinsam mit den Spitzenverbänden der Wirtschaft und den Gewerkschaften im DGB das Unternehmensprogramm „Erfolgsfaktor Familie“ aufgelegt. Es greift thematisch die ganze Bandbreite familienfreundlicher Unternehmenskultur auf, wobei der Schwerpunkt auf eine moderne Arbeitsorganisation gelegt wird, die Frauen und Männern in allen Lebensphasen mehr Optionen für die Arbeits- und Lebensgestaltung gibt.
Ein Bestandteil des Programms „Erfolgsfaktor Familie“ ist das gleichnamige Unternehmensnetzwerk, das vom Bundesfamilienministerium und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) initiiert worden ist. „Unser Netzwerk bietet mit über 6.700 Mitgliedern die größte kostenfreie Wissens- und Austauschplattform zu familienbewusster Personalpolitik in Deutschland“, sagt Kirsten Frohnert vom DIHK, die das Netzwerkbüro in Berlin leitet. Zudem gibt es „Lokale Bündnisse für Familie“, in denen an 650 Standorten 35.000 Unterstützerorganisationen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zusammenarbeiten.
In der Hauptstadt haben sich die IHK Berlin, der DGB des Bezirks Berlin-Brandenburg, die Handwerkskammer Berlin, die Vereinigung der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg und der Berliner Beirat für Familienfragen auf eine gemeinsame Deklaration zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie verständigt. Die Partner wollen daran mitwirken, „dass die gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch ein wichtiges Element der Berliner Arbeitsmarkt- und Familienpolitik ist“, wie es in der Deklaration heißt. Denn: „Eine gelingende Vereinbarkeit führt dazu, dass sich die interne Unternehmenskommunikation verbessert, die Zufriedenheit der Mitarbeitenden erhöht und Krankenstände verringert werden.“ Gleichzeitig befördere sie auch eine langfristige Bindung von Arbeitskräften an das Unternehmen.
„Kein Unternehmen kann es sich noch leisten, das Thema Vereinbarkeit zu ignorieren“, sagt Dr. Marion Haß, IHK-Geschäftsführerin Wirtschaft & Politik, „auch Führungskräfte legen zunehmend Wert auf eine angemessene Work-Life-Balance – spätestens bei einem Arbeitgeberwechsel werden Vereinbarkeitsangebote zu immer wichtigeren Kriterien.“ Viele Berliner Firmen flankieren deshalb diese Angebote noch mit anderen Wohlfühl-Offerten. Sie richten kleine Kantinen ein oder ermöglichen gemeinsame Mittagessen, fördern die Gesundheit ihrer Mitarbeiter durch Sport- oder Massageangebote oder stellen auch nur einen Kickertisch im Pausenraum auf. Das sorgt für ein gutes Betriebsklima und den Zusammenhalt der Belegschaft.

Mitarbeiterorientierte Strategie

Seit 2010 führen die Deklarationspartner alle zwei Jahre den Landeswettbewerb „Unternehmen für Familie“ durch. Nach vier erfolgreichen Contests startet am 1. März der fünfte. Teilnehmen können familienfreundliche Firmen mit drei bis 20 Beschäftigten, 21 bis 250 und über 250 Beschäftigten. Ausgezeichnet für ihr vorbildliches Engagement  – vor allem bei der Unterstützung von Vätern – wurde 2016 auch die Projektron GmbH, für die Patricia Rezic die Siegerurkunde entgegennahm. Die Jury hatte sich für Projektron entschieden, weil die Firma mit ihrer mitarbeiterorientierten Strategie die Personalstruktur der eigene Branche auf den Kopf stelle: Fast die Hälfte der Belegschaft ist weiblich, und familienbedingte Teilzeitarbeit und Elternzeiten werden überdurchschnittlich häufig von Männern beantragt.
Gerade bei den Elternzeiten klagen Betriebe immer wieder über Unsicherheiten. Sandra Theede, bei der IHK Berlin im Bereich Fachkräfte und Innovation auch Ansprechpartnerin für Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sagt: „Bei uns melden sich häufig Unternehmen mit dem Problem, dass ihre Fachkräfte nicht wissen, wann sie aus der Elternzeit zurückkehren können, weil sie keinen wohnortnahen Kita-Platz finden.“ Dies verursache großen Stress bei den Eltern und belaste die Planungssicherheit in den Unternehmen. „Damit Vereinbarkeit in Berlin gelingt, muss der Kita-Ausbau langfristig Priorität in Politik und Verwaltung haben, ohne dass es zu Lasten der Qualität der Betreuung geht“, so IHK-Expertin Theede.
„Wir haben den Vorteil, dass wir ein eigentümergeführtes Unternehmen mit flachen Hierarchien sind“, sagt Patricia Rezic von Projektron, „deshalb können wir schnell und flexibel auf die Bedürfnisse unserer Mitarbeiter reagieren.“ Keiner gleiche dem anderen: „Der eine hat kleine Kinder, der andere pubertierende Kinder und der nächste Eltern, die gepflegt werden müssen.“ Nachgefragt werden bei Projektron vor allem passgenaue und flexible Arbeitszeitmodelle, etwa die Hälfte der Belegschaft arbeitet in Teilzeit.
„Ich habe mich dabei zum Beispiel immer nach den Zeiten und Aktivitäten meines Sohnes gerichtet.“ Zudem haben 60 Prozent der Beschäftigten die Möglichkeit, im Home-Office tätig zu sein. „Dadurch ermöglichen wir Vätern oder Müttern, früher aus der Elternzeit zu kommen und sich trotzdem noch um ihre Kinder zu kümmern.“ Unbezahlte Sabbaticals von drei bis sechs Monaten sind möglich, und wenn Kinder krank sind, werden Mütter oder Väter bei Bedarf bis zu fünf Tage ohne Krankenschein bezahlt freigestellt – ergänzend zur gesetzlichen Regelung.
Und weil die Projektron GmbH eine Projektmanagement-Software namens Projektron BCS (Business Coordination Software) entwickelt hat, die aktuell von fast 30.000 Anwendern – zum Beispiel von der Airbus Group oder E.ON – im In- und Ausland eingesetzt wird, organisiert sie damit auch ihr eigenes Vertretungsmanagement. „Wir arbeiten prozessorientiert, das heißt, dass alle unsere Arbeitsprozesse im Intranet und in Projektron BCS sichtbar sind – es gibt Workflows mit Checklisten, es gibt ein Ticketsystem.“ In diesem System werde jeder Mitarbeiter mit seinen Aufgaben und Terminen festgehalten, „und wenn sich jemand krankmeldet oder Fürsorgeaufgaben hat, werden Termine und Aufgaben von Kollegen umorganisiert“.
Als Freya Schwarzbach, Stabsleiterin Strategische Personalentwicklung beim Energieversorger Gasag, vor sechs Jahren Mutter wurde, ging sie für elf Monate in Elternzeit und stieg danach wieder in ihre Führungsposition ein – allerdings in Teilzeit, für weitere 13 Monate. „Nach meiner Elternzeit hat mein Mann dann Elternzeit genommen und anschließend ebenfalls in Teilzeit gearbeitet.“ Bei der Gasag AG, 2012 als familienfreundliches Unternehmen ausgezeichnet, nehmen die meisten Männer, die Väter werden, Elternzeit – wenn auch nur die verkürzte von zwei bis vier Monaten.
Zusätzlich zu ihren Teilzeitmodellen, flexiblen Arbeitszeiten und Home-Office-Arbeitsplätzen kooperiert die Gasag auch mit einem Family Service, bei dem sich Beschäftigte mit Fürsorgeproblemen anonymisiert beraten lassen können. „Außerdem haben wir ein Eltern-Kind-Büro, das wie ein normaler Arbeitsplatz ausgestattet ist, zusätzlich aber noch Spiel- und Schlafmöglichkeiten hat“, erläutert Freya Schwarzbach. Dass dort keine hundertprozentige Arbeit geleistet werden kann, weiß die Führungskraft aus eigener Erfahrung. „Für uns ist das aber immer noch besser, als dass sich jemand krankmelden muss und gar nicht arbeitet.“ Über das firmeneigene Intranet wird über die Vereinbarkeitsmodelle informiert, und über Yammer, eine interne Social-Media-Plattform für Unternehmen, können sich die Mitarbeiter untereinander austauschen. Freya Schwarzbach: „Es geht nicht nur um Kinder oder Pflege von Angehörigen, sondern auch darum, dass wir Menschen von Berufsbeginn bis ins Rentenalter begleiten und entsprechende Lebensphasenmodelle anbieten – dafür nutzen wir das Managementinstrument Audit Beruf und Familie.“
Stefan Meiners, Geschäftsführer der Digitaldruckerei Polyprint in Adlershof, setzt ebenfalls auf flexible Arbeitszeiten, damit Beruf und Familie unter einen Hut gebracht werden können. „Unsere Mitarbeiter teilen sich ihre Zeit in Absprache mit ihren Kollegen selbst ein“, sagt Meiners, „eine generelle Zeiterfassung haben wir nicht.“
Kein Problem auch, wenn jemand mal zwei Stunden früher geht, weil er sein Kind aus der Kita abholen muss: „Das gleicht sich über die Zeit wieder aus.“ Einmal im Monat gibt es für die Beschäftigten bei Polyprint einen „Haushaltstag“, einen halben freien Tag für Erledigungen oder Arztbesuche. In Planung sind zudem die Einrichtung eines kleinen Wellness-Bereichs und eines Eltern-Kind-Büros. „Kinder können jederzeit mit in den Betrieb gebracht werden“, sagt Polyprint-Chef Meiners, „die sind bei uns gern gesehen.“ Auch bei der Suche nach Kita-Plätzen ist man behilflich. Und wenn mal ein Familienauto angeschafft werden muss, kann es zu Firmenkonditionen erworben werden.
In Stellenausschreibungen weist die Druckerei stets auf ihre mehrfache Auszeichnung als familienfreundlichster Betrieb in Treptow-Köpenick hin. Meiners: „ Fachkräfte bewerben sich auch deshalb bei uns – das Gehalt ist nur ein Teil ihrer Motivation.“ Die Angebote zur besseren Vereinbarung von Arbeit und Familie führten zudem zu besseren Betriebsergebnissen, so der Geschäftsführer. „Wir haben eine sehr geringe Fluktuation, eine hohe Einsatzbereitschaft unserer Mitarbeiter und deshalb eine sinkende Reklamationsquote.“ Ein aktuelles Thema in der Firma ist die Pflege von Angehörigen. „In diesem Fall wurde von uns eine sofortige Unterstützung durch bezahlte Freistellung und Hilfe bei den sehr komplizierten bürokratischen Abläufen ermöglicht.“

Herausforderung Demografie

Die Vereinbarung von Berufstätigkeit und Pflegeverantwortung wird durch die demografische Entwicklung immer wichtiger. Schon 2011 gab es in Deutschland 2,5 Millionen Pflegebedürftige mit einer Pflegestufe. Nach einer Prognose des Statistischen Bundesamtes wird diese Zahl bis 2020 auf 2,9 Millionen steigen, bis 2030 sogar auf fast 3,4 Millionen. 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden aktuell häuslich versorgt, davon 67 Prozent allein von Angehörigen und 33 Prozent mit Unterstützung von Pflegediensten. Experten gehen davon aus, dass zurzeit weitere drei Millionen Pflegebedürftige ohne beantragte oder anerkannte Pflegestufe ebenfalls hauptsächlich von Familienmitgliedern betreut werden.
„Vor drei Jahren hat eine unserer Mitarbeiterinnen ihren Vater gepflegt“, sagt Mareen Koch, Geschäftsführerin der Koch Sanitätshaus GmbH aus Neukölln. Das habe sie allerdings erst später erfahren, weil ihr die Frau das nicht mitgeteilt habe. „Sie ließ sich dann vier Monate krankschreiben, bis ihr Vater starb und es auch noch eheliche Probleme gab – sie war fix und alle.“ Die Firma mit drei Sanitätshäusern, einem Fachgeschäft für Orthopädieschuhtechnik und 32 Angestellten war bereits zweimal Siegerin im „Unternehmen für Familie“-Landeswettbewerb und hätte auch im Fall der pflegenden Mitarbeiterin eine bedarfsgerechte Lösung gefunden. Denn für Mareen Koch, von Anfang an alleinerziehende Mutter zweier Söhne, geht Familie immer vor.
Anfangs hatte sie nicht nur individuelle Zeitmodelle und flexible Arbeitszeiten im Portfolio, sondern auch externe Betreuungs- und Beratungsleistungen sowie die finanzielle Förderung von Gesundheitsangeboten, sogar für weitere Familienmitglieder. „Da kamen wir zeitweise doch sehr ins Schlingern, weil ich die Kosten unterschätzt hatte“, sagt Mareen Koch. Dadurch habe sie unbewusst den Umsatzdruck auf die Mitarbeitenden erhöht, was zu Stress, steigenden Krankmeldungen oder sogar Kündigungen führte. „Heute weiß ich, dass weniger mehr ist – und die richtigen individuellen Angebote mit den Kolleginnen und Kollegen abgestimmt werden müssen.“
Um von den Erfahrungen anderer Führungskräfte zu profitieren, ist Nicole Srock.Stanley von der Kreativ- und Kommunikationsagentur dan pearlman der direkte Austausch auf Konferenzen und Veranstaltungen wichtig. „Oftmals erfährt man hier am besten, was woanders erfolgreich war oder auch verworfen wurde“, sagt die Geschäftsführerin. Auch bei dan pearlman, ebenfalls einmal Sieger im Landeswettbewerb, gibt es ganz selbstverständlich flexible Zeiten, Teilzeitarbeit, Arbeitszeitkonten und viele Gestaltungsmöglichkeiten der Elternzeiten nach individuellen Wünschen. „Alle Maßnahmen und Aktivitäten, die wir entwickelt haben, sind auch aus den Bedürfnissen heraus entstanden, die ich als Mutter von drei Kindern hatte und habe“, sagt Nicole Srock.Stanley, „und es kann keinen besseren Treiber für dieses Thema geben als die Chefin eines Unternehmens.“
Insgesamt 60 Kinder haben die 120 Angestellten verschiedenster Nationalitäten in ihrer Agentur. „Unsere internationalen Mitarbeiter sind oftmals erstaunt, wie viele Möglichkeiten der Vereinbarkeit es in Deutschland gibt“, berichtet Nicole Srock.Stanley. Grundsätzlich sei es das Ziel, die Wünsche nach Teilzeit, Auszeiten oder Sabbaticals möglich zu machen. „Aber unser Projektgeschäft erfordert ein Höchstmaß an Flexibilität – und wenn wir flexibel sind, erwarten wir auch Flexibilität von unseren Mitarbeitern.“ Die Teilzeitmodelle bei dan pearlman seien nicht daran gebunden, „dass ich junge oder alte Angehörige betreue oder pflege – sie stehen erst mal allen Mitarbeitern offen und finden auch regen Zuspruch“. Allerdings: „Die komplette Belegschaft in Teilzeit zu schicken, wäre für uns nicht machbar.“
Wie viele andere Berliner Unternehmen ist die Agentur dan pearlman Mitglied im Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“. „Es ermöglicht einen Austausch unter verantwortlichen HR-Managern und sorgt für einen ständigen Informationsfluss“, sagt Nicole Srock.Stanley, „es trägt dazu bei, für dieses Thema stets sensibel zu bleiben und von Best-Practice-Beispielen zu lernen.“
Almut Kaspar
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