CO2-Bilanz

Erdwärme soll künftig Prenzlauer Wohnungen heizen

Wieviel Kohlendioxid pro Quadratmeter Wohnraum entsteht – vor allem durchs Heizen – ist eine wichtige Kennzahl. Schon heute prüfen zum Beispiel Banken die CO₂-Bilanz von Wohnungsunternehmen. Ein hoher CO₂-Ausstoß kann den Wert von Immobilien senken und die Bedingungen für Kredite verschlechtern.
Die Wohnbau GmbH Prenzlau ist die größte Vermieterin in der Kreisstadt der Uckermark. Schon vor einigen Jahren begann das kommunale Unternehmen damit, den CO2-Ausstoß seiner rund 3800 Wohnungen zu berechnen. „Wir wollten wissen, bei welchen Objekten die Emissionen besonders hoch sind. Daraus wollten wir eine Strategie für die Modernisierung unseres Bestands ableiten“, erklärt Ivo Richter, Facility Manager der Wohnbau.
Als die Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostbrandenburg Unternehmen Unterstützung bei der Ermittlung des CO2-Fußabdrucks anbot, nahm die Wohnbau das Angebot gerne an. „Wir hatten die Daten bisher nur in Excel-Tabellen erfasst und wollten die Qualität der Erhebung verbessern“, sagt Richter. Auch René Stüpmann, Geschäftsführer der Wohnbau, betont: „Wir sind neuen Entwicklungen gegenüber immer offen – das ist ein wichtiger Antrieb für Innovationen bei uns.“

Drei Viertel der Wohnungen beziehen Fernwärme

Gemeinsam mit dem Dienstleister „The Future Living“ aus Erkner hat die Wohnbau Prenzlau den Großteil ihres Treibhausgas-Ausstoßes erfasst. Er liegt bei etwa 5.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Die Hauptquelle dafür ist das Erdgas, das zum Heizen und für Warmwasser genutzt wird. Rund drei Viertel der Wohnungen sind an das Fernwärmenetz der Prenzlauer Stadtwerke angeschlossen. Die dort erzeugte Wärme stammt zur Zeit noch aus Gas. Die restlichen Wohnungen werden über Gaszentralheizungen oder Etagenheizungen beheizt.
Die Wohnbau kann ihren Treibhausgas-Ausstoß vor allem auf zwei Wegen senken: Indem sie Gebäude besser isoliert oder auf einen anderen Energieträger als Erdgas umsteigt. Bei der Dämmung sieht das Unternehmen jedoch kaum noch Potenzial. Rund 80 Prozent aller Wohnungen sind sogenannte Typenbauten aus DDR-Zeiten und wurden bereits in den 1990er Jahren energetisch saniert. Diese Häuser haben eine gute Energieeffizienz: Ein Viertel erreicht die Energieklasse B, 55 Prozent liegen in Klasse C. Damit steht die Wohnbau nach eigenen Angaben besser da als der bundesweite Durchschnitt.
In der Regel sind die Häuser mit acht Zentimetern Mineralwolle gedämmt, erklärt Ivo Richter. Die Dämmung weiter zu verstärken, lohnt sich laut Berechnungen nicht. Eine zweite, genauso dicke Dämmschicht würde die Energieeffizienz nicht verdoppeln, der Zugewinn wäre deutlich kleiner – und die Kosten beträchtlich. Eine Beispielrechnung zeigt: Für die Mieter würde sich die Miete pro Quadratmeter, begrenzt durch die staatliche Deckelung, um zwei Euro erhöhen. Der Einspareffekt beim Energieverbrauch läge aber nur bei etwa 20 Cent je Quadratmeter. Die Kosten für das Unternehmen von ca. fünf Euro pro Quadratmeter ließen sich zudem auch nicht über eine Mieterhöhungen decken – und wären sozial nicht vertretbar.
„In Klimaschutz zu investieren ist in dieser Region nicht einfach“, sagt Geschäftsführer Stüpmann. Prenzlau hat in den vergangenen Jahren viele Bewohner verloren, heute leben dort 19.000 Menschen. Das verfügbare Einkommen pro Kopf liegt mit 21.000 Euro deutlich unter dem Landesschnitt. Die durchschnittliche Kaltmiete bei der Wohnbau beträgt sechs Euro pro Quadratmeter und liegt somit im Bereich des unteren Schwellenwerts für sozialen Wohnungsbau im Land Brandenburg.

Alte Idee neu aufgewärmt

Deutlich mehr CO2 lässt sich einsparen, wenn der Energieträger für die Wärmeversorgung gewechselt wird. In Prenzlau greift man dafür auf alte Ideen zurück: Schon in der DDR-Zeit war geplant, die Stadt mit Erdwärme zu versorgen. Nach der Wende wurde das begonnene Geothermie-Projekt jedoch gestoppt und stattdessen auf günstiges Gas gesetzt. Nun reaktivieren die Stadtwerke Prenzlau die alten Pläne.
Mit einer Millionensumme an Bundesförderung stellen sie die Fernwärmeversorgung schrittweise auf Geothermie um. Künftig sollen so bis zu 5.500 Haushalte mit bezahlbarer Erdwärme versorgt werden, berichten die Stadtwerke auf ihrer Internetseite. Die Wohnbau Prenzlau rechnet damit, dass vor allem ihre Wohnungen im Stadtzentrum künftig Erdwärme nutzen werden. In Stadtteilen, die nicht an das Fernwärmenetz angeschlossen sind, könnten in Zukunft beispielsweise Wärmepumpen eine Alternative bieten.
Die Umstellung auf grüne Fernwärme ist für Prenzlau ein wichtiger Schritt. Damit kann die Stadt künftig große Mengen CO2 einsparen. Aber auch kleinere Maßnahmen haben sich in der Praxis bewährt, berichtet die Wohnbau. Ein Beispiel: Ein Haus mit vier Wohnungen wurde bislang mit Öl beheizt. Bei der Analyse der CO2-Bilanz zeigte sich, wie viel Treibhausgas dieses Gebäude verursachte. „Ich war von dem Wert überrascht“, sagt Geschäftsführer Stüpmann. Die Lösung: Die Ölheizung wurde durch einen Fernwärmeanschluss ersetzt. „Das macht einen großen Unterschied“, so Stüpmann. Die Treibhausgas-Emissionen für dieses Gebäude gingen um 66 Prozent zurück – 19 Tonnen CO2-spart werden.
Außerdem werden zum Beispiel auch alte Gasboiler in den Wohnungen nach und nach durch moderne Elektrodurchlauferhitzer ersetzt. Diese Geräte sparen nicht nur CO2-sind auch günstiger im Unterhalt.

Schutz vor Schwankungen der Energiepreise

Am Ende gehe es nicht nur um eine bessere Klimabilanz, sondern auch um die Bezahlbarkeit des Wohnraums, so das Unternehmen. Ab dem Jahr 2028 will die Europäische Union eine zusätzliche Steuer für Treibhausgas-Emissionen aus Gebäuden und Verkehr erheben. Der Preis für jede ausgestoßene Tonne CO2-dürfte dann deutlich steigen. Mit der Einführung von grüner Erdwärme schützt sich Prenzlau vor künftigen Preiserhöhungen, die durch diese Steuer entstehen.
Die Wohnbau möchte die CO2-Bilanzierung in Zukunft fortführen. Im Fokus stehen dabei die Emissionen aus der eingekauften Fernwärme, den eigenen Gasheizungen sowie dem firmeneigenen Fuhrpark – die sogenannten Scope-1- und Scope-2-Emissionen. Nach Einschätzung von Ivo Richter entstehen hier die größten Emissionen im Unternehmen. „Für uns als Wohnungsunternehmen ist es mit überschaubarem Aufwand möglich, diese Emissionen zu berechnen, weil wir viele Daten zu unseren Gebäuden haben“, erläutert Richter.
Mit der CO2-Zertifizierung verfügt die Wohnbau nun über eine nachvollziehbare und in der Branche vergleichbare Bilanz. „Es ist ein notwendiger und wichtiger Schritt, zunächst den Ist-Zustand zu erfassen“, sagt Ivo Richter, „nur so lässt sich eine Strategie auf dem Weg zur Klimaneutralität entwickeln.“
FORUM/Ina Matthes