CO2-Bilanz

„Wir haben die richtigen Entscheidungen getroffen“

Saubere Luft ist das Geschäft von M+R Filtermedien. Das Familienunternehmen aus Basdorf bei Bernau stellt Filter für Klima-, Lüftungs- und Entstaubungsanlagen her. Nun hat M+R erstmals berechnet, wie stark seine eigene Produktion die Luft belastet.
Filter aus Basdorf reinigen Luft in aller Welt: in den USA, in Indien, Korea, Australien. Sie fischen in Bahnen und Industriehallen, in Schulen und Kliniken Staub, Pollen, Sporen oder Bakterien aus der Luft. „Unser Hauptabsatzmarkt ist jedoch Europa“, sagt Inhaber Torsten Sven Birkholz. Das Unternehmen beliefert Händler und große Industrie-Kunden, die die Filter in eigenen Geräten und Anlagen verbauen.
Viele dieser Kunden – etwa Hersteller von Lüftungsgeräten – müssen den Ausstoß von Treibhausgasen bei der Produktion ihrer Erzeugnisse berechnen. Denn für größere Unternehmen gilt die CO2-Reportpflicht der EU.
M+R Filtermedien zählt als kleiner Betrieb zwar nicht dazu, ist als Zulieferer aber indirekt betroffen. Zunehmend mehr seiner Kunden möchten den CO2-Fußabdruck der zugekauften Filter kennen. „Wir wollen unseren Kunden vernünftige Daten liefern“, sagt Birkholz. Deshalb hat er das Angebot der IHK Ostbrandenburg und der Umweltberatung „The Future Living“ aus Erkner genutzt, die Betriebe beim Ermitteln ihrer Emissionen unterstützen.

Bis zu 1400 Filter am Tag

M+R Filtermedien produziert in einer 2018 erbauten Halle in Basdorf. 45 Mitarbeiter, darunter viele Frauen, falzen, schneiden und kleben, bedienen Maschinen, verpacken Filter. 1100 bis 1400 verschiedenartige Filter stellt der Betrieb täglich her. Ein Beispiel sind die sogenannten Z-Line-Filter. Dafür wird das Filtermaterial gefaltet wie eine Ziehharmonika und anschließend in Rahmen aus Karton oder Kunststoff verklebt. Von diesen und anderen Modellen produziert das Unternehmen sowohl Unikate als auch Serien mit bis zu 30.000 Stück.
Die Hauptquellen für Treibhausgasausstoß in der Produktion sind Strom für die Maschinen und Wärme: Das Vliesmaterial wird vor der Verarbeitung erwärmt und danach nochmals – damit der fertige Filter seine Form behält. Der Kleber für die Rahmen muss auf 130 Grad Celsius erhitzt werden.
Diese Prozesswärme erzeugt M+R Filtermedien elektrisch – und grün. Eine Photovoltaik-Anlage mit 99 Kilowatt (kWp) Leistung auf dem Dach produziert Strom. Im Jahresdurchschnitt liefert sie in Kombination mit einem Batteriespeicher etwas mehr als 40 Prozent der benötigten Elektroenergie. Die Differenz kauft das Unternehmen als zertifizierten Grünstrom hinzu. Auch die Halle wird elektrisch beheizt – über eine 60 kW-Wärmepumpe, die mit zwei Warmwasserspeichern gekoppelt ist.
Den Grundstein für diese Versorgung mit erneuerbaren Energien legte das Unternehmen schon 2018 beim Neubau seiner Werkhalle. Das damalige Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz verlangte, dass neue Gewerbebauten zumindest teilweise mit Energie aus regenerativen Quellen versorgt werden. „Wir haben damals gesagt, wir machen das gleich richtig“, erinnert sich Geschäftsführer Birkholz. So ließ M+R eine Wärmepumpe einbauen und plante das Hallendach von Anfang an so, dass 2021 eine Photovoltaikanlage nachgerüstet werden konnte. Zeitgleich wurde der Fuhrpark auf fünf E-Autos und zwei Ladesäulen umgestellt.

Ein Drittel der Energiekosten gespart

Insgesamt hat das Unternehmen rund 210.000 Euro in die Solaranlage, den Batteriespeicher und die Ladepunkte für Elektroautos gesteckt. Knapp 60.000 Euro davon erhielt M+R als Förderung aus dem REN plus-Programm des Landes Brandenburg. Die Antragstellung war zeitraubend und aufwendig, aber: „Ohne die Fördermittel wären wir heute nicht da, wo wir sind. Sie haben unser schnelles Wachstum in den vergangenen Jahren möglich gemacht“, betont der Firmenchef. So konnten neue Maschinen angeschafft werden und die Belegschaft wuchs von 37 Mitarbeitern 2024 auf 45 heute.
„Wir haben zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen getroffen“, sagt Torsten Sven Birkholz rückblickend. Sein Betrieb ist relativ gut durch die Energiekrise gekommen. „Wir waren von den hohen Energiepreisen nicht so stark betroffen wie andere.“ Dank Solaranlage und Speicher spart das Unternehmen mehr als ein Drittel seiner Energiekosten – das sind rund 9700 Euro im Jahr. In zwölf bis 14 Jahren wird das Geld für die Investitionen wieder eingespielt sein. Danach produziert die Solaranlage den Strom praktisch kostenlos.

Kritik am aufwendigen Verfahren

Auch im Hinblick auf die CO2-Bilanz hat sich der Umstieg auf erneuerbare Energien ausgezahlt. Ohne sie stünde das Unternehmen bei den Emissionen aus der Produktion und beim Stromeinkauf (Scope1 und 2) nicht so gut da. Laut der CO2-Bilanzierung, die das Unternehmen gemeinsam mit dem Dienstleister The Future Living erstellt hat, liegt der bilanzierte Treibhausgas-Ausstoß für Produktion und Stromeinkauf bei null. So steht es auch auf dem Zertifikat, das M+R erhalten hat. Nur ansatzweise betrachtet wurden bislang aber die Emissionen, die außerhalb des Betriebs bei Rohstoffen, Transporten oder Verpackungen entstehen (Scope 3). Gerade dort steckt der Großteil der Klimagasemissionen – in den Glasfaser- und Kunststoffvliesen, im Karton und im Klebstoff, die M+R einkauft.
Vor allem bei diesen Emissionen aus den Lieferketten stößt Birkholz an Grenzen. Das Verfahren zur Berechnung des Klima-Fußabdrucks sieht er kritisch: Wie weit muss er die Rückverfolgung der CO2-Bilanz seiner Rohstoffe treiben – bis zu Kunstfaser aus China? Zählen auch die Bäume auf dem Firmengelände mit – schließlich speichern sie CO2? Für ihn liegt die Lösung in klareren Regeln und Grenzen: Die Politik sollte exakt festlegen, wie weit Betriebe die Daten zu Emissionen erfassen müssen. „Wir können als kleine Firma nicht Heerscharen von Leuten einstellen, die sich nur mit solchen Berechnungen befassen.“

Im Wettbewerb die Nase vorn

Torsten Sven Birkholz will nun von seinen Lieferanten Daten über deren Emissionen erfragen. Er möchte den CO2-Fußabdruck pro Flächeneinheit für die verschiedenen Filterarten errechnen. Denn genau diese Werte werden die Kunden von M+R Filtermedien immer häufiger einfordern.
Beim Material sieht er Möglichkeiten, weiter Energie und Emissionen zu sparen: M+R ist zum Beispiel an Forschungsprojekten für effizientere Filtermaterialien beteiligt. In Lüftungsgeräten wird die zu reinigende Luft mit Hilfe von Ventilatoren durch die Filter gedrückt. Je weniger Widerstand das Filtermaterial dem Luftstrom entgegensetzt, desto weniger Energie brauchen die Ventilatoren.
Das könnte künftig auf die CO2-Bilanz des Unternehmens einzahlen, Wer solche Bilanzen liefern kann, hebt sich von den Wettbewerbern ab – davon ist Birkholz überzeugt. „Mit unserer CO2-Bilanz sind wir unserer Branche einen Schritt voraus.“
FORUM/Ina Matthes
CO2-Zertifizierung - Wie läuft das ab?

Grundlage für das Ermitteln von Treibhausgasbilanzen ist das Greenhouse Gas Protocol (GHG). Die Emissionen eines Unternehmens werden dabei in drei verschiedenen Kategorien – Scopes genannt – erfasst.
• Scope 1: Direkte Emissionen aus Quellen, die ein Betrieb selbst besitzt oder kontrolliert (z. B. Prozesswärme, Emissionen aus Fahrzeugen).
• Scope 2: Indirekte Emissionen, die durch den Bezug von Strom, Dampf, Wärme oder Kälte aus externen Quellen entstehen.
• Scope 3: Indirekte Emissionen in der Wertschöpfungskette durch Lieferanten von Rohstoffen, Kunden oder Transport. Das GHG-Protokoll schreibt vor, alle Scope-1- und 2-Emissionen zu bilanzieren. Bei Scope-3-Emissionen ist das optional, wird aber empfohlen, weil sie häufig den größten Teil des CO2-Fußabdrucks eines Unternehmens ausmachen. FORUM/RED