CO2-Bilanz

Der Fußabdruck von 600 Millionen Flaschen Bier

Im Frankfurter Brauhaus gibt es eine Art Archiv für Bier, einen Raum mit Regalen voll verschiedener Flaschen und Dosen. Es handelt sich um Rückstellproben, die eine zeitlang aufbewahrt werden, um sie bei etwaigen Problemen analysieren zu können. Dieser Raum vermittelt einen Eindruck von der Vielfalt des Frankfurter Bieres.
„Wir produzieren für etwas mehr als 100 Marken“, sagt Felix Käppler Qualitätsmanager und Nachhaltigkeitsbeauftragter der Frankfurter Brauhaus GmbH. Neben den Hausmarken Frankfurter und Pilsator stellt die Brauerei zahlreiche Handelsmarken vor allem für Discounter her. Mit einer Kapazität von drei Millionen Hektolitern Bier – das entspricht sechshundert Millionen 0,5-Liter-Flaschen – gehört das Unternehmen zu den größten Brauereien in Deutschland.
Seine Kunden, die Lebensmittelketten, verlangen nicht nur ein gutes Bier – sondern wollen auch wissen, wie viel Kohlendioxid bei Produktion und Transport freigesetzt wurde. Große Unternehmen sind seit 2025 dazu verpflichtet, ihre CO2-Emissionen offenzulegen. Das Brauhaus zählt zwar nicht zu diesen Großbetrieben, aber es hat erstmals freiwillig mit Unterstützung der IHK Ostbrandenburg seinen CO2-Fußabdruck berechnet. „Das ist uns sehr wichtig, denn wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren Kunden“, sagt Felix Käppler. Der Ingenieur für Brauerei- und Getränketechnologie arbeitet seit 2020 für das Unternehmens.

Brauerei gewinnt Energie zurück

Beim Brauen wird viel Wärme gebraucht, die die Brauerei aus Erdgas gewinnt. Die Würze zum Beispiel, ein Zwischenprodukt auf dem Weg zum Bier, muss bei 100 Grad mindestens eine Stunde lang gekocht werden. Außerdem benötigt das Unternehmen Strom, um etwa die sechs Abfülllinien für Kunststoff- und Glasflaschen, Dosen und Fässer zu betreiben. Der CO2-Ausstoß ist aus Käpplers Sicht eng an den Energieverbrauch gekoppelt. „Wir reduzieren, wo wir können.“ Das Brauhaus hat sein Energiemanagement nach ISO Norm 50001 zertifizieren lassen, die eine jährliche Verbesserung im Energieverbrauch vorschreibt.
Das gelingt bereits durch Wärmerückgewinnung an verschiedenen Stellen. Ein Beispiel: Wenn die Würze gekocht wird, entsteht Dampf. Dieser Dampf wird aufgefangen und kondensiert zu heißem Wasser, das die Brauerei ihren Prozessen wieder zuführt. So spart sie Erdgas und CO2. Außerdem liefert eine PV-Anlage auf dem Dach mit 1,2 Megawatt Leistung seit 2012 grünen Strom. Sie deckt vier Prozent des jährlichen Verbrauchs; das Gros des Stroms muss das Unternehmen aber hinzukaufen. Wie viel Kohlendioxid durch den Verbrauch an elektrischer Energie entsteht, lässt sich relativ gut feststellen. Die Brauerei erhält von ihren Energielieferanten Daten zu den CO2-Werten im Strommix.

Exporte bis nach Japan

Deutlich schwieriger ist es, die Emissionsbilanz der eingekauften Rohstoffe, der Verpackungen und beim Transport herauszufinden. „Wir exportieren von Frankfurt aus in die ganze Welt, unter anderem auch bis nach Japan“, sagt Brauerei-Ingenieur Käppler. „Die Transportwege sind sehr schwierig zu erfassen, weil wir einfach eine sehr vielfältige Logistik haben.“ Bierflaschen, -dosen und -fässer werden deutschlandweit verkauft und exportiert, teils per Schiff, vor allem aber per Lkw. Das Brauhaus arbeitet mit bis zu 100 Speditionen zusammen.
Die jeweiligen Wege und Emissionen zu erfassen, ist eine äußerst kleinteilige Angelegenheit. Die Brauhaus-Mitarbeiter haben sich deshalb bei ihrer ersten CO2-Bilanz über Näherungswerte herangetastet. Die Brauerei hat ihre Transportkosten als Grundlage verwendet. Datenbanken liefern Werte, wie viel CO2 etwa pro Euro Transportkosten anfallen. So lässt sich anhand der Kosten auf die Emissionen schließen. Zufrieden ist Felix Käppler damit noch nicht. „Das ist nur eine erste Näherung.“
Denn Kosten sagen nur bedingt etwas über den Ausstoß von Treibhausgas aus. So können stark befahrene Transportwege preisgünstiger sein als wenig genutzte. Dadurch ergeben sich bei gleichen Distanzen unterschiedliche CO2-Werte, also eine Verzerrung. Um aussagekräftigere Daten zu erhalten, will das Frankfurter Brauhaus nun seine Speditionen fragen, wie sie die Emissionen auf den gefahrenen Strecken einschätzen. „Wir wollen bis zur nächsten Erfassung, also bis zum nächsten Jahr, alle abgefragt haben“, erklärt der Qualitätsmanager.

Bis zu 50 Prozent recyceltes Plastik

In der Brauerei selbst lassen sich hier und da noch Emissionen senken. Große Spielräume dafür sieht Felix Käppler gegenwärtig aber nicht. Zum Erdgas als Wärmequelle gibt es momentan keine Alternative. Aber wenn die Preise für Grünstrom weiter sinken, könnte das Unternehmen künftig ganz auf Ökostrom umstellen – das würde die CO2-Emissionen deutlich mindern.
Sparen lässt sich auch bei den Kunststoffflaschen, die die Brauerei aus Granulat selbst herstellt. Bereits jetzt setzt sie dafür 40 bis 50 Prozent recyceltes Kunststoff-Granulat ein, das eine günstigere CO2-Bilanz aufweist als Neumaterial. Der Kreis der Kunden, die Flaschen mit hohem Recycling-Anteil beziehen, soll ausgeweitet werden.
Beim Vermessen des eigenen CO2-Fußabdrucks hat der Nachhaltigkeitsdienstleister The Future Living aus Erkner das Brauhaus über mehrere Monate begleitet. Das erfahrene Unternehmen habe sehr geholfen, eine nachvollziehbare und anerkannte Bilanz aufzustellen, lobt Felix Käppler. Das kann die Brauerei nun mit einem Zertifikat belegen. Das Frankfurter Unternehmen hat außerdem das notwendige Know-How gesammelt, um seinen CO2-Fußabdruck künftig selbst zu bestimmen. „Wir wollen das jetzt jährlich tun“, sagt Felix Käppler.
FORUM/Ina Matthes
CO2-Zertifizierung - Wie läuft das ab?

Grundlage für das Ermitteln von Treibhausgasbilanzen ist das Greenhouse Gas Protocol (GHG). Die Emissionen eines Unternehmens werden dabei in drei verschiedenen Kategorien – Scopes genannt – erfasst.
• Scope 1: Direkte Emissionen aus Quellen, die ein Betrieb selbst besitzt oder kontrolliert (z. B. Prozesswärme, Emissionen aus Fahrzeugen).
• Scope 2: Indirekte Emissionen, die durch den Bezug von Strom, Dampf, Wärme oder Kälte aus externen Quellen entstehen.
• Scope 3: Indirekte Emissionen in der Wertschöpfungskette durch Lieferanten von Rohstoffen, Kunden oder Transport. Das GHG-Protokoll schreibt vor, alle Scope-1- und 2-Emissionen zu bilanzieren. Bei Scope-3-Emissionen ist das optional, wird aber empfohlen, weil sie häufig den größten Teil des CO2-Fußabdrucks eines Unternehmens ausmachen. FORUM/RED