IHK Wirtschaft online
Nr. 7160108
7 min Lesezeit

Gründerinnen Circle – Mehr als nur der Visitenkartenaustausch

Die Geschäftsidee ist originell, das Businesskonzept hieb- und stichfest, und ein Alleinstellungsmerkmal auf dem Markt gibt es als Sahnehäubchen sogar auch noch. Und dennoch: Nach der Gründung kommt der Laden nicht in Schwung, das Unternehmen nicht vom Fleck. So ergeht es vielen Gründerinnen und Gründern – obwohl alles zu passen scheint, bleibt der Raketenstart aus. Woran es oftmals fehlt: Bekanntheit, Reichweite, Sichtbarkeit. Da kann das Produkt oder die Dienstleistung noch so exzellent sein. Wenn es nicht gelingt, Aufmerksamkeit zu erzielen, bleibt der Erfolg mau. In der Region 38 gibt es seit knapp zwei Jahren den Gründerinnen Circle, ein Netzwerk für Frauen, das auf seiner Homepage nicht weniger verspricht als Erfolg und Wachstum. Aber auch Raum für echten Austausch und nachhaltige Verbindungen.
Wir treffen La-vinia Sophie Sledzinski im Braunschweiger Coworking-Space TRAFO Hub. Zusammen mit ihrer Kommilitonin und Freundin Katharina Rother-Schönfeld hat sie den Gründerinnen Circle initiiert. „Eine Gartenidee“, wie sie sich lachend erinnert. Passend dazu liefert das Plätschern im Miniteich des TRAFO Hubs den Soundtrack zur Geschichte.
Die Frauen haben zusammen an der Ostfalia Salzgitter ihren Master „Führung in Dienstleistungsunternehmen“ gemacht. Sledzinski sattelte noch eine Ausbildung zur ganzheitlichen Ayurveda-Coachin für Frauengesundheit drauf, Rother-Schönfeld arbeitete in einer Webdesign-Agentur. Während dieser Zeit reifte bei beiden der Wunsch, in die Selbstständigkeit zu gehen. „Wir haben uns oft zum Coworking getroffen, ich habe auch mal eine Gründungsberatung besucht, und natürlich haben wir Kontakte gesammelt.“ Networking im klassischen Sinn flankierte also den Start. „Doch ganz ehrlich: Oft blieb einem nach solchen Netzwerkabenden nicht mehr als ein loser Visitenkartenaustausch.“ Aber aus diesem Strauß an Kontakten auf Kartonkärtchen wuchs wenig bis nichts.

Der Gründerinnen Circle wurde zum Herzensunternehmen

Also sagten sich die beiden eines schönen Nachmittags im Garten: „Warum gründen wir nicht ein Netzwerk für Frauen?!“ Gesagt und nicht lange gegrübelt, sondern einfach mal losgelegt: mit einer WhatsApp-Gruppe. Aus diesem Anfang ist vor knapp zwei Jahren die dritte Selbstständigkeit für die beiden Frauen geworden: der Gründerinnen Circle. Lavinia Sophie Sledzinski hat ihren beruflichen Hauptfokus mittlerweile auf ihr „Herzensunternehmen“ gelegt, ist Geschäftsführerin des Gründerinnen Circle.
Wir sind kein Freizeitclub.
Was nun aber unterscheidet dieses Netzwerk von anderen? Was geht über das klassische „Kontakte knüpfen, um Kunden zu generieren, um zu expandieren, um Geld zu verdienen“ hinaus? Auf der Homepage gibt es einen Self-Check: „Passt der Gründerinnen Circle zu Dir?“ Da wird rasch klar: es geht um mehr als flüchtige Kontakte, sondern um das Schmieden einer dauerhaften Gemeinschaft, die sich austauscht, aktiv unterstützt, die sich nicht das Blaue vom Himmel vormacht, sondern in echten Diskurs geht. Dass dabei auch etwas fürs eigene Unternehmen abfallen kann, sei mehr ein willkommener Nebeneffekt als das Hauptanliegen dieses Zusammenschlusses, so Sledzinski.
Zentrales Element des Circles sind die regelmäßigen Netzwerktreffen. Da wird dann auch mal erzählt, wo es unter den Nägeln brennt, welche Herausforderungen sich gerade wie die Eiger-Nordwand auftürmen. Da kann man auch mal Dampf ablassen, bella figura vorzutäuschen ist nicht nötig in diesem Schutzraum. Zudem wird ein Thema vertiefend beleuchtet, Vorträge von Expertinnen oder Experten (Männer ausdrücklich gern gesehen!) komplettieren diese Treffen.

Safe-Space für Frauen

Im Fokus stets: das Business. „Wir sind kein Freizeitclub“, unterstreicht Sledzinski. Neben einer Plattform für Austausch und Unterstützung in unternehmerischen Belangen biete der Circle einen sicheren Raum, einen Safe-Space, in dem Frauen ungezwungen und in all ihren Facetten aus sich herauskommen, frei über ihre Erfolge und Zweifel, Visionen und Ängste reden können.
Denn eines sei doch klar, so Sledzinski: Frauen gründen viel, viel weniger. Und das sei schade. „Wir wollen das Unternehmertum von Frauen in der Region stärken.“ Viele hätten Zweifel, ob sie den Selbstständigkeitsdschungel mit all seinen Fallstricken und Bürokratiehürden bewältigen können – und finden dann im Netzwerk Gleichgesinnte, Ansprechpartnerinnen und echte Helferinnen. Warum das so ist, dass Frauen bei Gründungen immer noch im Hintertreffen sind – man kann es erahnen. Aber lassen wir das ­Spekulieren. Was vor allem dringlich sei: „Man sollte dagegen angehen“, betont die 30-Jährige. Insofern sei der Gründerinnen Circle vielleicht auch ein Ankurbler für weibliche Gründungen, heißt es weiter. „Frauen in Verantwortung zu bringen und ihre Sichtbarkeit, ihr Unternehmen zu stärken ist unser Ziel.“ Und wieso überhaupt dieses Zagen und Zaudern? Hinfort damit! „Du kannst nirgendwo so weich fallen wie in Deutschland. Lebe deine Vorstellungen, Visionen“, ermuntert Sledzinski Frauen, die vor der Entscheidung stehen, die Selbstständigkeit zu wagen.
Frauen in Verantwortung zu bringen und ihre Sichtbarkeit, ihr Unternehmen zu stärken ist unser Ziel.

Selbstständigkeit ist doch gar nicht so riskant

Ihre eigene Erfahrung sei: „Das Sicherste ist immer noch, mich auf mich selbst zu verlassen!“ Insofern sei Selbstständigkeit gar nicht so riskant. Wenn sie sich so in der Region umschaut: Vormals unkündbare und bombensichere, bis zur Rente gewähnte Jobs als auch langfristige Perspektiven zerbröseln in der derzeitigen Krise. Hundertprozentige Absicherung gebe es doch auch beim börsennotierten Global-Player nicht.
Insofern versteht sich dieser Circle auch als Anschubser. Trotz schwerer Aufbauphase, trotz Rückschlägen, trotz Existenzängsten, trotz Selbstzweifeln mutig und visionär in die Gründung zu gehen. 70 Frauen zwischen 30 und 69 Jahren sind derzeit Mitglied, mit jedem neuen Mitglied führt Sledzinski ein Kennenlerngespräch. Das ist wichtig, denn man sollte sich auch aktiv einbringen können und wollen. Nehmen und geben – das ist hier Devise. Logisch, dass sie alle „ihre Frauen“ vor- und zunamentlich kennt. Und weiß, was gerade so los ist.

„Jede Gründung ist eine Chance für die Region“

Sledzinski peilt die 100er-Marke an Mitgliedern kurz- bis mittelfristig an. „Jede Gründung sollte hier in der Region als Chance gesehen werden.“ Wobei sie größten Wert darauf legt, dass jede Unternehmung gleichwertig gesehen wird. Ob Tech-Start-up oder Ernährungsberaterin, Finanzcoachin oder Erfolgs- und Mindsetcoachin, Friseurmeisterin oder Yogateacherin – „für die Region in jedem Fall immer und unbedingt gleichwertig wertvoll“.
Selbstständigkeit, nehmen wir aus dem TRAFO Hub mit, sei eben kein Solotrip. In diesem Wort schwingen Egotrip und Ellenbogengerangel mit. Und genau so wollen sie es gerade nicht. Weg vom Konkurrenzdenken – hin zum Unterstützen, zum gemeinsamen Wachsen. Warum nicht zwei, drei, vier, ganz viele von einer Berufsgruppe im Netzwerk? Kann sich doch prima ergänzen. Die Mitgliedschaft beläuft sich monatlich auf einen Betrag unterhalb von 100 Euro. Nur Mitglieder haben zum Beispiel Zugang zu ­Empower-Meet-ups und speziellen Online-Workshops. Die Member4Member-Angebote sind zudem eine echte Win-win-Situation: Die Gründerinnen gewähren sich innerhalb ihres Kreises Sonderkonditionen auf Dienstleistungen und Produkte. Von diesen Rabatten profitieren alle.

Nie mehr mit sich allein Weihnachtsfeier feiern

In dem Format Show-and-Grow können die Mitglieder ihre Dienstleistungen und Produkte präsentieren. In kleineren Formaten werden Businessimpulse gesetzt, Erfolgsstories erzählt und reflektiert. In diesem vertrauensvollen Umfeld können Kooperationen entstehen, fallen Weiterempfehlungen leichter, weil man sich wirklich kennt und guten Gewissens eine Einschätzung abgeben kann. Sledzinskis wichtigstes Arbeitsgerät: ihr Smartphone, quasi der Maschinenraum des Circle. Nicht auszudenken, wenn es einmal abhandenkäme.
Gründerinnen sind oft Solotänzerinnen. Chef und Buchhalter, ja, zu Beginn auch oft Reinigungskraft und Terminkoordinatorin in einem. Irgendwie auch ein einsames Geschäft. Deshalb veranschaulicht die Geschichte von einer Frau aus dem Circle besonders schön, wo der menschliche Mehrwert dieses Business-Netzwerks liegt: Sie ist, abgesehen vom professionellen Austausch, über alle Maßen glücklich, nie mehr mit sich allein eine Weihnachtsfeier feiern zu müssen.
suja
6/2026