IHK Wirtschaft online
Nr. 7158782
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Atomkraft? Bitte nicht zurück in die Sackgasseic

Wie viel deutlicher muss die Realität eigentlich noch werden? Während Deutschland erneut über eine Rückkehr zur Atomkraft diskutiert, liefert Europas Hitzesommer ein bemerkenswertes Gegenargument: Ausgerechnet dort, wo Kernenergie traditionell als Garant für sichere Stromversorgung gilt, gerieten Reaktoren wegen Hitze und Wassermangel unter Druck.
In Frankreich mussten mehrere Reaktoren gedrosselt oder abgeschaltet werden. Der Grund: Flüsse führten zu wenig Wasser oder waren schlicht zu warm. Auch die Atomkraftwerke in Rumänien und Ungarn kamen an ihr Limit. Dabei wurde es sogar richtig grotesk: Das Militär sprengte Felsen in der Donau, um Kühlwasser zum einzigen rumänischen AKW in Cernavodă zu lenken. Am Ende musste auch hier heruntergefahren werden.
Das ist mehr als eine kuriose Episode eines heißen Sommers. Es zeigt vor allem ein strukturelles Problem: Atomkraftwerke brauchen Kühlwasser – und der Klimawandel macht genau dieses Wasser in vielen Regionen knapper und wärmer. Je heißer die Sommer werden, desto häufiger kann also ebenjene Technologie an ihre Grenzen kommen, die uns angeblich vor den Folgen des Klimawandels schützen soll.
Und dann wäre da ja noch die Rechnung: Wer in Deutschland neue Atomkraftwerke bauen will, spricht gern über Versorgungssicherheit und Technologieoffenheit. Über die Kosten und Umweltfolgen redet man dagegen weniger gern. Dabei kommt das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in seiner Untersuchung zu einem eindeutigen Ergebnis: Für neu zu errichtende Kernkraftwerke werden Stromgestehungskosten von bis zu 49 Cent pro Kilowattstunde ausgewiesen. Windkraft an Land und Photovoltaik gehören dagegen zu den günstigsten Optionen.
Natürlich haben Wind und Sonne ein Problem: Sie produzieren nicht jederzeit gleich viel Strom. Gerade deshalb brauchen wir Netze, Speicher, Lastmanagement und flexible Kraftwerke. Aber das ist kein Argument gegen Erneuerbare, sondern eine Investitionsaufgabe. Denn während Uran importiert werden muss und ein Atomkraftwerk ein milliardenschweres Großprojekt über Jahrzehnte bleibt, können Windräder und Solaranlagen dezentral errichtet werden. Strom entsteht dort, wo Menschen und Unternehmen ihn brauchen: auf Dächern, Feldern, Gewerbeflächen und in Windparks. Die Abhängigkeit von einzelnen Großkraftwerken sinkt.
Umso irritierender ist, dass die politische Debatte häufig in die entgegengesetzte Richtung läuft. Das Handelsblatt kritisierte erst kürzlich die Energiepolitik der Bundesregierung und warnte, dass die geplante pauschale Abregelung von Solaranlagen ein Milliardenpotenzial verschenken könne.
Und genau das ist die eigentliche Scheindebatte: Wir diskutieren über die Wiederbelebung einer Technologie aus dem vergangenen Jahrhundert, während wir bei den Technologien der Zukunft auf der Bremse stehen.
Stand 6/2026