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Nr. 7202434
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Invecorum GmbH – Vom Prototypen zum Unternehmen – in drei Monaten

Zwei Wochen lang dreht sich bei Daniel Wasmus und Philip Goddinger alles um eine Frage: Lässt sich aus ihrem technischen Prototyp ein Produkt für Steuerkanzleien machen? Die beiden programmieren Tag und Nacht. Nach 14 Tagen steht die erste Version von Invecorum. Sie verbindet Künstliche Intelligenz mit den Daten und Systemen einer Kanzlei und kann so nicht nur recherchieren, sondern auch wiederkehrende Arbeitsabläufe bearbeiten.
Dass es so schnell geht, liegt nicht nur an den langen Arbeitstagen: Schon vor der Gründung sprechen die beiden mit Steuerberatenden und bleiben während der Entwicklung eng mit ihnen im Austausch. Die Kanzleien bringen Anforderungen und Fachwissen ein. Der direkte Austausch hilft ihnen dabei, aus dem Prototyp ein Produkt zu entwickeln, das die Anforderungen der Kanzleien tatsächlich abbildet.
Am Anfang steht keine Gründungsidee, sondern Neugier. ­Wasmus beschäftigt sich seit zweieinhalb Jahren mit Legal Tech, also mit digitalen Anwendungen für den Rechtsbereich, und bleibt beim Steuerrecht hängen. „Steuerrecht war einfach das Komplexeste“, sagt er. Gesetze, Schreiben des Bundesfinanz­ministeriums und Urteile müssen zusammen betrachtet werden und können je nach Zeitraum zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. „KI ist cool. Aber KI mit den eigenen internen Daten zu verbinden – dann wird es richtig sinnvoll.“ Genau das ist die Idee: eine KI, die nicht nur allgemeines Wissen wiedergibt, sondern mit den Daten einer Kanzlei arbeitet.
Mit Philip Goddinger verbindet Wasmus ein IT-Programm bei Volkswagen, das die beiden Ende 2022 durchlaufen. Aus der Zusammenarbeit wird schnell eine Freundschaft, samt gemeinsamer Projekte neben dem Job. „Wir wollten unsere eigenen Sachen machen“, sagt Wasmus. Beide machen sich parallel selbstständig. Daraus entsteht die Idee, gemeinsam ein Unternehmen aufzubauen.

Die Dritte im Team

Im April 2026 wird Invecorum gegründet – zu dritt. Irina Meier ist mit im Boot: Die Betriebswirtin wird den beiden über Kontakte empfohlen, zunächst als Ansprechpartnerin für interne Prozesse. „Ich fand‘s ziemlich cool. Ich wusste noch nicht, wo das hingeht, aber ich wollte gerne Teil des Ganzen sein“, erinnert sie sich. Nach etwa zwei Wochen Kennenlernen ist für die drei klar, dass sie gemeinsam weitermachen wollen. „Mut und Vertrauen waren hier gefragt“, sagt Meier – selbst mutig zu sein und Vertrauen in andere Menschen zu setzen.
Die Rollen verteilen sich nach ihren Erfahrungen: Wasmus führt Unternehmen und Vertrieb, Goddinger die Entwicklung, Meier Finanzen und zunehmend Prozesse. Entschieden wird trotzdem zu dritt. Direkt nach der Gründung ziehen sich Wasmus und Goddinger für zwei Wochen zurück – die zwei Wochen, mit denen diese Geschichte begann. Einen Monat nach der Gründung startet die Pilotphase, nach zwei Monaten geht das Produkt an den Markt.

Von der Recherche zum Kanzlei-Werkzeug

Invecorum startet als reines Recherchewerkzeug. Doch schnell zeigt sich: Das reicht nicht, Kanzleien brauchen Unterstützung bei wiederkehrenden Abläufen. Mit der Anbindung an DATEV werden weitere Kanzleidaten einbezogen – aus einzelnen Recherchen werden ganze Prozesse. Dafür entwickelt das Team sogenannte Skills, Ablaufpläne für die KI, die Kanzleien selbst erstellen können. Beim Anlegen eines neuen Mandanten prüft die KI zunächst die Stammdaten, recherchiert bei Bedarf im Handelsregister und macht einen Vorschlag, wie der Mandant in DATEV angelegt wird. Auf Wunsch übernimmt sie die Prüfung nach dem Geldwäschegesetz. Ein bewährter Ablauf lässt sich speichern und später mit einem Befehl wieder abrufen.
Wie unterschiedlich Kanzleien arbeiten, hat Wasmus überrascht: „Es gibt Kanzleien, die haben einen physischen Rechnungsordner, der per Post rumgeschickt wird.“ Für solche Kunden beginnt die Digitalisierung ganz am Anfang der Kette, andere wollen mit Invecorum die „letzten fünf Prozent Effizienz“ herausholen.

Rechtssicherheit als Fundament

Für Wasmus war Rechtssicherheit mehr als eine Formalie. Steuerberaterinnen und Steuerberater unterliegen der Verschwiegenheitspflicht. Für Kanzleien stellt sich damit auch die Frage, wie der Einsatz eines KI-Tools gegenüber Mandanten nachvollziehbar gemacht werden kann. „Nachdem wir das einmal sauber hatten und ein externer Anwalt gesagt hat: ‚Ja, so ist es rechtlich so gut, wie es sein kann‘ – das war für mich wieder so ein Moment, wo ich dachte: Das ist der endgültige Startschuss“, erinnert sich Wasmus.

Wir wollten unsere eigenen Sachen machen.
Auch bei der technischen Infrastruktur geht es den Gründern darum, wo und wie die Daten verarbeitet werden. Die eingesetzten KI-Modelle laufen auf eigenen Servern und Grafikkarten in Deutschland. „Wir wissen, wo die Daten hingehen“, sagt Wasmus. Die Gründer prüfen zudem, wer Daten mitverarbeitet und mit welchen Dienstleistern diese Anbieter wiederum zusammenarbeiten; Vertragsgrundlagen und Subunternehmer können Kunden vor dem Kauf einsehen. Für einen Kunden aus der Pilotphase war das entscheidend: „Ich habe keine Bauchschmerzen mehr, weil Mandanten-Daten jetzt in ­Invecorum landen, anstatt in ChatGPT.“ Die Kontrolle bleibt bei der Kanzlei: Steuerberatende können Schritte und Ergebnisse prüfen und anhand ihres Fachwissens einordnen, ob die Antwort der KI richtig ist.
Was sich mit Invecorum im Arbeitsalltag verändern kann, zeigen Rückmeldungen aus der Pilotphase: Ein Schreiben, das vorher rund zwei Stunden dauerte, war mit Invecorum in etwa 20 Minuten fertig. In einem Fall deckte das System einen Berechnungsfehler in der verwendeten Kanzleisoftware auf. Die Pilotphase mit zehn Kanzleien war innerhalb weniger Tage ausgebucht.

Vierundzwanzig Stunden verändern alles

Drei Monate nach der Gründung gelingt Invecorum eine Finanzierungsrunde. Bei einem Pitch-Event drückt ein Business-Angel den Gründern die Visitenkarte in die Hand, kaum dass sie von der Bühne sind. Am nächsten Tag, um ca. 18:30 Uhr, folgt dann der Call: Weniger als 24 Stunden nach dem Pitch liegen die mündlichen Zusagen vor. Was die Investoren überzeugt habe? „Es war so einfach zu verstehen“, sagt Wasmus. Die Verträge werden in den folgenden Wochen ausgearbeitet, eine sechsstellige Summe kommt zusammen.
Genau darin sieht Wasmus auch einen Rat für andere Gründerinnen und Gründer: Ein Produkt und ein Geschäftsmodell sollten sich so klar erklären lassen, dass sie in einem Satz verständlich sind – für Kundinnen und Kunden ebenso wie für Investoren. Und: sich früh ein starkes Team suchen, statt als Einzelkämpfer zu starten. „Ich wollte am Anfang unbedingt herausfinden, ob man das auch als Solo-Gründer schaffen kann“, sagt er. „Irgendwann wollte ich es gar nicht mehr herausfinden – ich war einfach nur froh, ein Team zu haben.“

Bleiben, wo es passt

Der Unternehmenssitz bleibt Braunschweig. Dass die größte Start-up-Szene in Berlin oder München sitzt, räumt Wasmus ein – einen Anlass für einen Umzug sehen die Gründer trotzdem nicht: „Wir fühlen uns hier gerade echt ganz wohl, und wir kriegen von allen Seiten gute Unterstützung. Das ist auch ein gutes Netzwerk, das man hier hat.“
Wir fühlen uns hier gerade echt ganz wohl, und wir kriegen von allen Seiten gute Unterstützung. Das ist auch ein gutes Netzwerk, das man hier hat.
Überrascht hat sie vor allem, wie unkompliziert die Gründung verlief. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so unkompliziert in Deutschland laufen kann“, sagt Goddinger. Schwieriger war die Recheninfrastruktur: Anfragen bei Rechenzentren blieben teilweise unbeantwortet oder wurden mit Verweis auf die Unternehmensgröße abgelehnt. Er wünscht sich mehr Infrastruktur, die Tech-Start-ups gemeinsam nutzen können.
Als Nächstes soll aus dem schnellen Start ein stabiles Unternehmen werden: Modelle und Agenten weiterentwickeln, weitere Kanzleisysteme anbinden, das Team vergrößern. Andere Branchen sind interessant, stehen aber vorerst nicht auf dem Plan – der Fokus bleibt auf Steuerkanzleien. Dahinter steckt für Wasmus auch eine unternehmerische Überlegung: Viele Kanzleien könnten mehr Mandate übernehmen, wenn einzelne Mitarbeitende durch KI mehrere Stunden pro Woche gewinnen.
Drei Monate nach der Gründung ist aus einem technischen Prototyp ein Unternehmen geworden – getragen, wie Meier es formuliert, von drei Menschen, die sich trauten, einander zu vertrauen.kri
7/2026