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Wirtschaftssenioren stärken Harzer Mittelstand
Wer ein Unternehmen gründet oder vor einer strategischen Krise steht, dem ist mit theoretischen Lehrbuchweisheiten meist nicht geholfen. Genau hier setzt der Wirtschaftssenioren Harz e. V. an. Nach dem klaren Prinzip „Alt hilft Jung“ geben ehemalige Führungskräfte und erfahrene Unternehmer ihr über Jahrzehnte angesammeltes Wissen ehrenamtlich an die nächste Generation weiter. Die Vorstandsmitglieder Wolfgang Jennewein und Hans Nerlich gewähren einen Blick hinter die Kulissen eines Netzwerks, das niedrigschwellige Wirtschaftsförderung auf Augenhöhe betreibt.
Wolfgang Jennewein (rechts) und Hans Nerlich bilden zusammen mit Reinhard Schwarzer (nicht im Bild) den Vorstand der Harzer Wirtschaftssenioren.
„Ruhestand für Führungskräfte bedeutet, plötzlich vor einem Terminkalender zu sitzen, den man selbst ausfüllen darf“, veranschaulicht Jennewein ungeschminkt, wie er und seine Kollegen den Eintritt ins Rentenalter erlebt haben. Sie alle eint der Wunsch, sich nicht nur auf „Heim, Herd und Reisen“ zu besinnen, weshalb sie es begrüßten, als Dr. Klaus Diekstall vor zehn Jahren das ehrenamtliche Beraterteam zusammenstellte. „Die Gründungsmitglieder hatten Führungs- und Personalverantwortung und deckten alle Branchen ab“, erinnert sich Nerlich daran, wie Diekstall in seinem Umfeld nach Gleichgesinnten suchte. Für ihn und seine Mitstreiter war sofort klar, dass sie ihre vorhandenen Erfahrungen an junge Menschen weitergeben wollten. Mit Unterstützung des Hannoveraner Vereins, der zu dem Zeitpunkt bereits existierte und in dem Diekstall selbst zuvor Mitglied gewesen war, wurden die Harzer Wirtschaftssenioren 2016 aus den Angeln gehoben. In Niedersachsen existiert eine dezentrale Organisation der Wirtschaftssenioren – so gibt es beispielsweise weitere eigenständige Standorte in Osnabrück, Rotenburg an der Wümme und im Ammerland. Bundesweit sind die Regionalvereine im Bundesverband der Wirtschaftssenioren e. V. mit Sitz in Berlin als Dachverband vereint, um sich enger zu vernetzen und gemeinsame Qualitätsstandards zu sichern. Während der größte Verein mit über 400 Beratenden in Bayern ansässig ist, zeigen sich die Harzer ein wenig stolz, mit dem kleinsten und jüngsten Verein das charmante Gegenstück zu bilden. „Organisatorisch ist unsere familiäre Struktur ein ganz klarer Vorteil. Im Gegensatz zu anderen Vereinen, die bei bis zu 1000 Beratungen im Jahr einen riesigen Verwaltungsapparat koordinieren müssen, können wir Beratungsaufträge unkompliziert abwickeln“, bestätigt Jennewein. Ein Anruf reicht aus, die kostenlose Erstberatung findet jeden ersten Dienstag im Monat auf dem Goslarer „Energie-Campus“ im Technologie- und Gründerzentrum (TGZG) statt. Gleichzeitig beschreibt der ehemalige Geschäftsführer eines Familienunternehmens für Wetterschutzkleidung, dass sich die geringe Vereinsgröße von aktuell zehn aktiven Beratern negativ auf die Bekanntheit der Harzer auswirkt.
Wir hören zu, können die richtigen Fragen stellen und bringen persönliche Erfahrung ein.Wolfgang Jennewein
Starkes Netzwerk
Daher nutzen die Senioren ihr diesjähriges Jubiläum nicht etwa zum Feiern – was Schatzmeister Nerlich mit Blick auf die geringen finanziellen Mittel ohnehin kaum durchgewunken hätte –, sondern um sich auf den verschiedenen Netzwerkveranstaltungen der Region zu präsentieren. So haben sie sich bereits beim diesjährigen MEKOM-Unternehmertag des Regionalmanagements Osterode am Harz e. V. sowie bei der Ein-Harz-Initiative vorgestellt. Der Gründungstag der Wirtschaftsförderung Region Goslar GmbH & Co. KG und ein Termin beim Wirtschaftsnetzwerk pro Goslar e. V. stehen noch aus. Auch mit den regionalen Standortinitiativen wie dem Allgemeinen Arbeitgeberverband Harz e. V. und der Allianz für die Region GmbH pflegen die Berater einen engen Austausch. Dabei setzen sie darauf, dass ihre Leistungen innerhalb ihres starken Netzwerks aktiv weitergetragen werden. Während Gründerinnen und Gründer sowie Unternehmen aktuell von freien Beratungskapazitäten und schnellen Terminen profitieren, blickt der Verein bereits in die Zukunft: Um das ehrenamtliche Team nachhaltig zu stärken, werden kontinuierlich weitere Berater und Beraterinnen gesucht, die frische Expertise in das Netzwerk einbringen. „Wir suchen Kolleginnen und Kollegen, die gerade erst in den Ruhestand gegangen sind und unmittelbare Nähe zur Praxis mitbringen“, wirbt Jennewein für das Ehrenamt und betont, wie wichtig vor allem weiblicher Zuwachs ist. Zwei neue Kollegen hätten sie bereits gefunden, dennoch müsse der Bereich des Handwerks weiterhin neu besetzt werden. „Allerdings haben wir mit der Mitgliedschaft im Bundesverband der Wirtschaftssenioren den Vorteil, dass wir aus dem Netzwerk von 800 bis 900 Beratenden jederzeit Unterstützung einfordern können“, ergänzt der Goslarer.
Jeden ersten Dienstag im Monat bietet der Verein eine kostenlose Sprechstunde auf dem Goslarer „Energie-Campus“ im Technologie- und Gründerzentrum (TGZG) an.
Praxis schlägt graue Theorie
Unternehmen suchen bei Neugründungen oder wirtschaftlichen Schieflagen oft Rat bei professionellen Beratungsstellen. Für die Vermittlung von Basiswissen sei dies durchaus sinnvoll, erläutert Jennewein, aber wenn es um die praktische Umsetzung gehe, empfehle er das Expertenwissen der Wirtschaftssenioren. „In den seltensten Fällen haben Unternehmensberater in der Praxis gearbeitet. Bei uns hingegen ist Praxiserfahrung eine Grundvoraussetzung“, fährt er fort. Das Ziel der Wirtschaftssenioren sei es nicht, Verwaltungsabläufe zu erklären, sondern echte Lebenshilfe für Unternehmen zu leisten – und das auf Augenhöhe: „Wir hören zu, können die richtigen Fragen stellen und bringen persönliche Erfahrung ein.“ Nerlich teilt diesen Eindruck aus der Beratungspraxis: „Selbst im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz bleibt der Faktor Mensch unersetzlich, denn bestimmte Erfahrungswerte sind zeitlos.“ Die Beratung der Goslarer Senioren erfolgt nahezu kostenlos. Während sie für das Erstgespräch keine Rechnung stellen, fallen für Folgegespräche gerade einmal 60 Euro an, um die laufenden Kosten zu decken. „Wir beraten ohne eigene finanzielle Interessen. Wir gehen allerdings auch davon aus, dass diejenigen, die bei uns tätig sind, nicht unbedingt auf Einnahmen angewiesen sind“, so Jennewein. Was für die Senioren zählt, ist der Wunsch, der nächsten Unternehmergeneration unter die Arme zu greifen. Wenn jene kurz vor der Insolvenz stehen, kann es durchaus vorkommen, dass die Berater auf eine Gebühr verzichten oder nicht auf die Zeit achten. „Aus einer Stunde werden dann auch mal zwei“, bestätigt Nerlich. Der ehemalige Bankbetriebswirt verrät mit einem Lächeln, dass ihm der Perspektivwechsel besonders viel Freude bereitet, wenn er heute bei Bankgesprächen gemeinsam mit Mandanten auf der anderen Seite des Schreibtisches Platz nimmt.
Die Mitglieder der Wirtschaftssenioren sind ehemalige Führungskräfte und Unternehmer aus verschiedensten Zweigen der Wirtschaft. Sie unterstützen Unternehmerinnen und Unternehmer bei innerbetrieblichen Prozessen in Phasen der Gründung, Sanierung, Erweiterung sowie Unternehmensübergabe und -übernahme.
Der Weg vom Wissen zum Handeln
Die Beratungsanfragen, die die Wirtschaftssenioren erreichen, teilen sich nahezu in je ein Drittel Neugründungen, Unternehmensnachfolgen sowie allgemeine Herausforderungen im Unternehmensalltag auf. In vielen Fällen fehle es schlichtweg an betriebswirtschaftlichen Grundkenntnissen oder die Experten werden zu spät zu Rate gezogen. Warum? Das Beraterteam kann dazu nur Vermutungen aufstellen. Jennewein tippt auf „falschen Stolz, sich Fehler einzugestehen“ und dass diese Hemmschwelle Ratsuchenden oftmals zum Verhängnis werde. „Daher möchten wir dazu motivieren, uns rechtzeitig aufzusuchen. Wir können oftmals den ein oder anderen Hinweis geben, der bisher übersehen wurde.“ Nerlich stimmt zu und gibt gleichzeitig zu bedenken, dass ihre Praxisempfehlungen nur fruchten können, wenn Mandaten ihnen mit einer gewissen Offenheit begegnen. „Wenn Ratschläge ungehört bleiben, lässt sich eine Krise am Ende schwer abwenden“, so der Bad Harzburger. Vielmehr sei es sinnvoll, das Gespräch grundsätzlich früher zu suchen, solange sich Unternehmen noch in einer guten wirtschaftlichen Lage befinden. „Wir können als Gesprächspartner eine andere Perspektive auf die Situation einbringen, neue Impulse beisteuern und den Weg vom Wissen zum Handeln im Unternehmensalltag ebnen“, fährt er fort.
Selbst im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz bleibt der Faktor Mensch unersetzlich, denn bestimmte Erfahrungswerte sind zeitlos.Hans Nerlich
Am Puls der Zeit
Obwohl zwischen den ehemaligen Führungskräften und ihren jüngeren Ratsuchenden oft Generationen liegen, sprechen sie dieselbe Sprache. Die Wirtschaftssenioren legen großen Wert darauf, gerade bei schnelllebigen Digitalisierungsthemen am Puls der Zeit zu bleiben. Über den Bundesverband nehmen die Berater daher regelmäßig an Weiterbildungen und Arbeitskreisen teil, um stets optimal auf die Anforderungen eines modernen Business vorbereitet zu sein. „Wir lernen durch die Beratung andersherum ja auch von den Jungen“, sagt Jennewein voller Überzeugung. Daher komme es selten vor, dass unterschiedliche Realitäten aufeinanderprallen. Die beiden Vorstandsmitglieder erinnern sich an die Neugründung eines Pflegedienstes, der zwar mit schlechten wirtschaftlichen Prognosen startete, sich aber im Laufe der Zeit zu einem Leuchtturmprojekt mit Auszeichnung entwickelte. Zwei bis drei Jahre begleitet das Team die Inhaber bereits – ein für die Wirtschaftssenioren eher langer Beratungszeitraum, der jedoch zeigt, wie nachhaltig und partnerschaftlich die Unterstützung angelegt ist.
Für die kommenden Jahre hat sich der Verein klare Ziele gesetzt: „Wir möchten einen höheren Bekanntheitsgrad erlangen und mehr Beratungen durchführen“, so das Vorstandsduo. „Dafür benötigen wir natürlich auch Nachwuchs in unseren eigenen Reihen.“ Passend dazu soll künftig auch die Kooperation mit den Vereinen der Wirtschaftsjunioren enger verzahnt werden, wie auf dem letzten Bundeskongress der Senioren beschlossen wurde.
7/2026
